Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Bernau A1

Doppeldecker innerhalb von 7 Tagen … zwei mal 24h: Bottrop und Bernau (bei Berlin). Nicht nur die beiden Anfangsbuchstaben der Wettkampforte sind gemeinsam, sondern auch das Zeitfenster und der Charme der Menschen, die dort leben. In Brandenburg wird Braunkohle in der Lausitz bzw. Kalk in Rüdersdorf über Tage gefördert und in Bottrop Steinkohle unter Tage: „Glück auf!“ – det kennen wa ooch. Während der Brandenburger über einen rauhen Charme verfügt, so sagen die Menschen im Ruhrpott mit Offenheit frei heraus, was sie denken und fühlen -die Berliner würden jetzt sagen: „Mit Herz und Schnauze“. So fühlte ich mich, gleich nach der Ankunft, in Bottrop irgendwie wohl, obgleich ich im Land Brandenburg wohne und wie bei Ultras üblich: die Fahrt wurde mir von einem lieben Kollegen erleichtert – ich wurde in Hannover eingesammelt und hingebracht. Wir sind Individualsportler in Gemeinschaft, eigentlich eine große Familie und keene einsamen Mohikaner: Staffeln und Mannschaftswertungen schliessen die Einzelwertung nicht aus und so ist Vieles in Gemeinschaft möglich, was ein Einzelner niemals hinkriegen würde.

Bernau A2

Bernau A3

Bernau A4

Bilder aus Bottrop

Würde man mir sagen: „Laufe bitte 100 km in 1km Runden um Deinen Wohnblock herum“, dann würde ich sagen: „Du hast ja wohl nen Vogel.“ Ist man aber auf Wettkampf, na denn kann man sojar 125 oder 200 Runden rumpesen, Hauptsache et sind die richtjen Leute dabei, die Verpflegung stimmt und wenn det Wetter schön ist? Na, denn kann man über sich hinauswachsen.

Angekommen – Zelt aufgestellt – Sichtung: wo ist hier was? Wer ist da? Mit wem kann man quatschen und sich austauschen? Wie ist denn das hier organisiert? Wo muss ich hin? Wo kriegt man hier Startunterlagen?

Ja, es wurde einem in Bottrop von den Organisatoren einfach gemacht, sich zurecht zu finden und es war so schön durchdacht, also rumzumaulen hatte ick schon mal nüscht. Ich habe mir angesehen, wo der Tetraeder ist und den schönen Rosengarten im Park – für die visuelle Abwechslung war auch gesorgt.

Was ist die Schwierigkeit bei einem 24h Lauf? Die Runden klingen erst mal einfach: 1,2 km bzw. in Bernau 1,6 km. Kiesschotter, Staub, … aber es gibt enge Stellen, wo man aufpassen muss, leichte unmerkliche Steigungen, die man im ersten Moment nicht bemerkt, die sich von selbst ab Runde 40 bemerkbar machen. Man läuft ständig am Zelt vorbei und die Matratze ruft einem bei fortgeschrittener Stunde zu: „Ich bin weich, ausruhen ist so schön.“ Und ich sage mir dann: „Nein – DANKE – ich laufe weiter.“ Das Zelt entwickelt magische Kräfte und so sieht man sich nach Kolleginnen und Kollegen um, denen es genauso geht, die genauso leiden, die auch all den Verlockungen stand halten müssen: die schönen Sitzgelegenheiten im Park, am Teamzelt oder dem hervorragenden Verpflegungsstand mit all den Leckereien, die man auch so wunderbar durcheinander schnabulieren kann und sich fest-stehen kann, weil sich Leute Gedanken gemacht haben, da Sachen hinzustellen, damit im Bauch nicht die Feuerwerksexplosion de luxe entsteht. Eigentlich ist man angetreten um eine sportliche Leistung abzuliefern und der Sport dient dazu, nicht die Kalorien zählen zu müssen, wenn alljährlich Weihnachten und die Adventszeit mit schönen Delikatessen der Marke Hüftgold näher rücken, doch wenn es nicht die kleinen Wehwehchen gäbe, die man so hat: Müdigkeit, „Durststrecken“ (man kommt nicht so voran wie man gerne möchte), Blasen an den Füssen, Schwere des Körpers, … .

Wie kommt man dazu, gleich 2 Läufe in einer Woche zu „planen“? Die Deutschen Meisterschaften sind „Pflicht“ und wenn ein Lauf fast vor der eigenen Haustüre stattfindet, da wollte ich „dabei sein“. Liest man sich meine Leistungen durch: Bottrop 123 km und Bernau 101 km, so denkt man sich – „Hmh, Durchschnitt!“ In der Summe sind es aber 224 km in einer Woche. Die persönliche Organisation, die dahinter steckt mit all dem Aufwand, den man als Ultraläuferin so kennt. Meine persönliche Herausforderung bestand darin, dass ich 2 lange Ultraläufe noch nie in einer Woche ausprobiert hatte, ob ich es überhaupt kann und es geht!!! Wie Ultras so schön sagen: „Hundert gehen immer!“ 2 Nächte kaum zu schlafen, denn in Bottrop hatte ich 1,5 h Pause gemacht und in Bernau 3h; wenn man von Bottrop noch Blasen an den Füßen hat und der Körper noch müde ist (nein, keine Schmerzen, aber einfach nur etwas „schlapp“), wenn man weiss, dass man für eine Aktion bereits viel Kraft und Energie gelassen hat, dann in einer zweiten Veranstaltung sich aufzuraffen und zu sagen: „Hey, das schaffe ich!“ Nachts ging mir in Bernau irgendwann das quietsch gelbe Licht der aufgehangenen Neonröhren auf den Keks oder wenn die Dunkelheit (wie in Bottrop) einem die Energie wegnimmt, man sich nur noch nach dem Morgengrauen sehnt, dass die Sonne aufgeht und die Energie wieder freigesetzt wird - das ist die Herausforderung – nämlich standhaft zu bleiben und zu sagen: „Trotz und alledem – ick loof.“ Dann helfen einem die lieben Kolleginnen und Kollegen, die einem nette Sätze zurufen, die einem sich zu einem gesellen und einen sprichwörtlich begleiten. Und worin bestand meine Motivation? Weihnachten rückt näher und somit die Kalorienbomben. Für die äußeren Motivationsanreize sorgen dann die Mitmenschen: ein freundliches Lächeln, bewundernde Blicke, manchmal sagen sie auch (wie in Bernau): „Habt ihr nüscht Besseret zu tun als hier zu loofen? Ihr seid doch bekloppt.“ Det is ne wunderbare Vorlage für mich zu sagen: „Nee, nur normale Verrückte und nicht verrückter als alle, die täglich ins Fitness Studio rennen. Wir bewegen uns an der frischen Luft und haben Spass.“ Beim Schwimmen kann man sich nicht unterhalten, fürs Gerätturnen bin ich mit 1.70 m zu groß und Ultras versuchen mit einem positiven Gemüt Herausforderungen mit einem Augenzwinkern anzunehmen.

In Bottrop hatte LG Ultralauf einen großen Stand aufgebaut, ich hatte viele, viele Laufkameraden aus dem eigenen Laufclub, … in Bernau waren aber andere Laufclubs dabei, wie beispielsweise LG Mauerweg, also hat man auch da gleich Anschluss gefunden. Überhaupt: Ultras sind ein plappriges Volk und da ist es sehr wichtig, dabei zu sein. Beim Zeltaufbau und Abbau hilft einem auch immer jemand – man muss nur fragend gucken.

Man kann gar nicht sagen, was „leichter“ ist – ob Bottrop oder Bernau, weil der Charakter der Veranstaltung, die eines 24h Laufes gleich ist und dennoch hätten die beiden Veranstaltungen nicht unterschiedlicher sein können: Bottrop mit leistungsstarken Läuferinnen und Läufern aus ganz Deutschland, wo ich mich geehrt fühlte überhaupt teilnehmen zu dürfen. Der Start um 12 Uhr, … kennt man. Überaus glücklich kehrte ich mit dem dritten Platz in der Mannschaftswertung nach Hause zurück. Ein Wettkampf, wo man viel von erfahrenen Leuten lernen und sich abgucken kann: Laufstil, Timeline, gepflegte Konversationsthemen und trotz des Wettkampf Feelings hegen wir keine Ressentiments gegeneinander. Ganz im Gegenteil: das Bonmot ist stets die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft. Wir tauschen uns aus über unsere Erlebnisse, wo man sich als Nächstes anmelden könnte, wo es „schön“ ist. Eine unglaubliche Toleranz, auch wenn „gewandert“ wird – man muss in Bewegung bleiben, man weiss, wenn die Problemchen kommen (und bei einem 24h Lauf kommt immer etwas, wo man Hilfe benötigt): „Da sind Andere – die helfen mir – ich bin nicht alleine“ und trotzdem kann man die magischen Momente finden, wo man ganz bei sich ist, wo man im Flow laufen kann, wo der Moment eine unendliche Weite bekommt und wo man sich in der Gemeinschaft unterstützt fühlt.

Bernau 1

Bernau 2

Bernau 3

Bernau 4

Bilder aus Bernau

Ist die Kurve in Bottrop, die fast einer „Kehre“ gleicht, leichter als die enge Stelle an einer Stadtmauer, wenn links der Graben ist und rechts det grobe Kopfsteinpflaster ist? Zwischendurch hätte ich in Bernau losheulen können, weil eine Fussblase am Hacken aufgeplatzt ist, durch den späten Start um 14 Uhr, hatte ich bei Einbruch der Dunkelheit wenig km und linker Hand, als ich auf dem Stadtwall lief, befand sich der Friedhof – da denkt man über die Endlichkeit des Lebens nach, über das Sein im Augenblick und welches Geschenk es ist, leben zu dürfen, gesund zu sein – Carpe Diem. In Bottrop fand ich es sehr nett, dass im Park auch nachts noch Leute da waren, doch in Bernau sorgten die Staffeln für reichlich Action (rund 7500 Runden wurden von allen zusammen gelaufen) und man musste sich gut koordinieren um an den engen Stellen oder an der Rampe (eigentlich versteckten sich darunter Treppen, die mit einer Holzrampe überdeckt wurden) niemanden zu behindern. Während in Bottrop die Mannschaftskameraden für Aufmunterung sorgten, so waren es in Bernau die die Kinderchen in den Staffeln, die einen mit großen Augen ansahen und sagten: „Hey, Du da! Kannst Du mich mitnehmen?“ Und klar, da nimmt man ein Kindchen an der Hand und spätestens nach der nächsten Kurve sind die Knirpse verschwunden, weil Kinder eine unglaubliche Energie haben. Man ist immer präsent und gefordert, egal wie müde man ist: muss aufpassen, dass man nicht umknickt, denn jeder Ultralauf hat seine eigenen Herausforderungen und mein Gedankengang war nachts, als klar war, dass ich in meiner Altersklasse in Bernau den ersten Platz erreichen würde: „Wie kriege ich mit Fussblasen und Müdigkeit 100 km hin?“ Ich spürte schon, dass ich ein paar km in der letzten Woche hinter mir hatte. Warum 100 km? Na, weil ick ohne diese dreistellige Zahl nicht aufs Treppchen wollte. Da habe ich meinen Stolz und Ehrgeiz. Die Schnellste bin ich nicht, aber war in mir noch so ein Funken, der mich antrieb, dass ich als Ultraläuferin bitteschön mit Würde und Stil die 100 km in 24 h zu laufen oder zu habe, noch dazu im Flachland – es ist kein Traillauf. Da sind außerdem all jene Leute, die einen wahren Organisationsmarathon hinter sich haben, nicht mehr Schlaf abbekommen und keine Medaille in Aussicht haben, all die Zuschauer (die sich die Füße in den Bauch stehen), die Leute am Verpflegungsstand (die Wespenstiche kassieren) – für all diese Leute muss man doch wenigstens seinen Körper in Bewegung setzen um zu zeigen, dass sich ihre Mühe gelohnt hat. All die Momente der Einsamkeit aus dem Training verfliegen, wenn man merkt: „Hey, es geht doch – es läuft, … irgendwie, die km läppern sich zusammen.“ Am Ende solcher Veranstaltungen blicke ich an mir runter – eingestaubt, verschwitzt – die Kleidung sieht aus als würde keine Waschmaschine der Welt dies jemals wieder sauber kriegen und auch die negativen Gedanken, die sich manchmal vorneweg einschleichen: „Was tust du da? Hast Du Dich angemeldet? In welchem geistigen Zustand warst Du da?“ All das ist vergessen – ich blicke auf die Urkunde und finde die Zahl unglaublich: DREISTELLIG!!! Meine zwei Beine können dreistellige Kilometerzahlen laufen – ist das nicht wunderbar???? Welch ein Wunder, wie ein Körper das bewerkstelligen kann und wie ein kleines Kind, freue ich mich, wenn es dann – wie in Bernau oder Bottrop dazu führt, dass ich mit auf das Podest darf.

Ich war in Bottrop und Bernau dabei und ich fühle mich um die Erfahrungen bereichert, gleichzeitig freue ich mich auf weitere Veranstaltungen und welchen Leuten ich begegne. Das Laufen ist eine sehr bereichernde und schöne Beschäftigung.

2019 wird es diesen Lauf in der 24h Fassung aus Kostengründen (zu wenig Anmeldungen) nicht mehr geben, nur noch 12 h oder 6 h und ich hoffe, dass sich Viele anmelden werden, damit der Lauf erhalten bleibt.

Text Elisabeth Ploch, Bilder: Michael Irrgang (Bottrop), Elisabeth Ploch, 14.9.2018

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