Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

 

BUF2019 C

(Aus dem Innenleben eines Ultraläufers)

Ziele:

Bei meinem dritten 24h-Lauf sollten die 200 km fallen. Nachdem ich 2017 eher zufällig meinen ersten 24h-Lauf mit 177 km absolviert hatte und 2018 in Bottrop bei 187 km aufgrund eines Ermüdungsbruches nur eingeschränkt trainieren konnte, wollte ich es 2019 wissen, mindestens jedoch die Spartarthlonqualifikationsweite erneuern.

Vorgeplänkel:

Auch dieses Frühjahr lief nicht komplikationslos. Im Februar und April hatte ich einen Krankenhausaufenthalt, weswegen ich meinen Startplatz für den Spartarthlon frühzeitig zurückgegeben hatte, damit sich noch ein Nachrücker gründlich vorbereiten konnte. Letztendlich war alles nicht so schlimm wie befürchtet und ich konnte mit dem Training loslegen.

Trainingsvorgeplänkel:

Ende Mai besuchten mich unser Sportwart Michael Irrgang und seine liebe Frau Martina in Hannover und ich zeigte den beiden laufend bzw. radfahrend die Stadt. Michael erzählte mir dabei von seiner Idee einer Trainingsgruppe, bei der erfahrene Trainerinnen und Trainer gegen Aufwandentschädigung Athleten des Vereins individuell betreuen könnten. Ich hatte sofort Interesse und fragte, wann es losgehen könnte. Bis auf den Papierkram sei alles klar, meinte Michael. Ich schlug ihm vor, mich als Testkandidat zu nehmen, um das neue Konzept auszuprobieren. Ein erster Plan für vier Wochen wurde mir von einer erfahrenen Vereinskollegin nach einem Interview geschrieben.

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Bild 1: Michael und ich bei einer Runde durch Hannover, mein Vater (im Hintergrund) und Martina (macht das Foto) begleiteten uns auf dem Fahrrad

Training:

Leider musste sie die Aufgabe aufgrund ihrer hohen Belastung kurze Zeit später zurückgeben, so dass mich Michael an der Backe hatte. Nachdem ich die vier Wochen abtrainiert hatte, bekam ich die nächsten Wochen die Einheiten von Michael vorgeschlagen. Dabei stellte ich fest, dass die beiden zwei sehr unterschiedliche Trainingskonzepte verfolgen. Während die eine lieber ein intensives Training und mit langen Läufen bis zu 50km bevorzugt, setzte der andere auf weniger intensive Einheiten aber deutlich längere lange Einheiten und mehr Umfang. Ich bin überzeugt, dass mich beide Konzepte besser gemacht haben bzw. hätten, als wenn ich allein trainiert hätte. Welches das bessere ist kann ich nicht beantworten und ist vermutlich auch individuell unterschiedlich.

Michael nutzte den Umstand, dass ich viel Zeit habe, voll aus. So standen häufig 8 Laufeinheiten pro Woche auf dem Plan mit zusätzlichem Alternativtraining in Form von Fitnessstudio, Aquajogging, Halteübungen, Seilspringen, Dehnen, Fußgymnastik, Radfahren und natürlich Lauf-ABC. Insbesondere Nüchternläufe mit kurzen und mittleren Distanzen (bis 29km) waren häufige Trainingselemente. Dazu extensive Intervalle, zügige Dauerläufe und lange Läufe am Wochenende. 

Die Zeit bis zum Wettkampf war recht knapp, so dass die Wochenumfänge auch sehr stark gesteigert wurden. Erstaunlicherweise haben meine Muskeln und Sehnen alles relativ gut verkraftet. Bis auf einen latenten leichten Schmerz im linken Fuß, der entweder von der Plantarsehne oder vom Zehenstrecker kam, hatte ich kaum Probleme. Durch einen wöchentlichen Termin bei meiner Physiotherapeutin wollte ich außerdem Problemen vorbeugen und Ansätze von Problemen gleich im Keim ersticken. Das hat auch sehr gut geklappt. Andererseits ist zweimal mein Immunsystem bei Trainingspeaks von über 200 km/Woche ausgestiegen, so dass das Training für einige Tage unterbrochen werden musste. Eine Erkältung und Herpes an der Lippe waren jeweils einmal die äußeren Anzeichen dafür. Außerdem stellte sich gegen Ende eine mentale Müdigkeit ein, so dass ich beim Alternativtraining teilweise etwas geschlampt habe und die Laufeinheiten ziemlich lustlos abgespult hatte. Hier hätte ich mir einen Trainingspartner/Schicksalsgenossen gewünscht, mit dem ich mir das Leid hätte teilen können.

Vorbereitungswettkämpfe:

Im Rahmen des Trainings habe ich vier Vorbereitungswettkämpfe bestritten; drei 6h Läufe und einen 12h-Lauf. Dabei habe ich sowohl verschiedene Ess- und Trinkvarianten als auch verschiedene Konzepte gegen Blasenbildung an den Füßen ausprobiert. Bei zwei 6h-Läufen bin ich recht schnell gelaufen und habe vermutlich 90% meines Potentials abgerufen. Mit jeweils über 67 km konnte ich meine gefühlt gute Form bestätigen. Zufällig waren die Wetterbedingungen ähnlich ungünstig warm wie später in Bottrop, was mich damals sehr geärgert hatte, da ich meine bisherige offizielle Bestweite von ca. 68,4 km sicher überboten hätte. Andererseits habe ich dort verschiedene Varianten der Kühlung ausprobiert, die ich in Bottrop nochmals optimiert hatte. Die beiden anderen Wettkämpfe über 6h und 12h nutzte ich dafür, um das Anfangstempo für Bottrop zu üben. Mit 61 km und 116 km hatte ich die Zielweite sehr gut getroffen, wobei mich insbesondere der 12h-Lauf drei Wochen vor Bottrop optimistisch stimmte, da ich mich im Ziel noch ausreichend frisch fühlte, um weitere Stunden in Angriff zu nehmen. Auch war dort das Wetter ideal, leicht bewölkt mit 17 bis 24 Grad inklusive einem kurzen Regen. „Schade, dass die DM nicht schon an diesem Wochenende stattgefunden hat“, dachte ich mir.

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Bild 2: Beim 12 h-Lauf am Hollener See fanden Helmut Schöne und ich ideale Bedingungen vor.

Tapering/Nachtläufe:

Nun war endlich die Taperingphase erreicht, die etwas Erleichterung versprach. Jedoch wollte ich noch unbedingt noch etwas in der Nacht trainieren, um meinen Körper an die ungewöhnliche Laufzeit und die Dunkelheit zu gewöhnen. Ein erster Versuch über 10 km war sehr interessant, weil ich bemerkte, dass ich ziemlich unsicher aufgrund der anderen Lichtverhältnisse bei Straßenbeleuchtung bzw. mit Stirnlampe gelaufen bin. Der zweite Versuch sollte eigentlich über 50 km gehen, musste jedoch aufgrund einer unerwarteten diabetesbedingten Unterzuckerung meiner Fahrradbegleitung, die ich für den Getränke- und Nahrungstransport gewinnen konnte, nach 24 km abgebrochen werden. Ich fand die Länge des Laufes jedoch ausreichend, um das Laufen bei Nacht für mich als Trainingsbestandteil abzuhaken.  Ansonsten standen noch langsame Läufe und einfache Intervalle mit sehr wenig Wiederholungen auf dem Programm.

Carboloading:

Als nächstes beschäftigte mich das Carboloading. Nach dem Lesen verschiedener Artikel begann ich am Mittwoch mit der vermehrten Aufnahme von Kohlenhydraten in Form von Brot, Brötchen, Streusselkuchen, Müsliriegel, Pasta und Pellkartoffeln, Energiedrink und alkoholfreies Weizenbier. Aus verschiedenen Informationen schloss ich, dass ca. 10g Kohlenhydrate/Tag/KG-Körpergewicht im Mittel empfohlen werden. Akribisch habe ich die Kohlenhydratangaben auf den Verpackungen zusammengerechnet bzw. recherchiert und dabei festgestellt, dass die für mich errechnete Menge von 700g nicht zu schaffen ist. Ihr glaubt gar nicht, was man dafür alles Essen und Trinken müsste. Außerdem muss das ganze Zeug ja auch vor dem Lauf und nicht während des Laufs wieder raus, so dass ich am Freitag weniger gegessen und noch mehr getrunken habe. Etwas irritiert hat mich der Hinweis, dass wenig Lebensmittel mit einkettigen Kohlenhydraten (Zucker), sondern mehrkettige Kohlenhydrate besser seien, aber andererseits ein Honigbrötchen am Morgen vor dem Wettkampf empfohlen wird. Wer diesen Widerspruch aufklären oder mich auf einen Irrtum hinweisen kann, möge mich bitte anschreiben. Wichtig erscheint mir auch zu erwähnen, dass zum Ende des Carboloadings eher wenig Ballaststoffe aufgenommen werden sollten, um die Darmaktivität besser kontrollieren zu können. Daher auch vor dem Wettkampf Weißmehl- und keine Mehrkornbrötchen.

Der mentale Plan 

Ich war davon überzeugt, dass ich die ersten 12 Stunden im Griff haben würde, da ich die bereits nahezu perfekt in der Vorbereitung absolviert hatte. Zwischenziele waren klar im Kopf einprogrammiert und außerdem hatte ich noch einen Joker gegenüber dem Trainingswettkampf: Das weltbeste Betreuerteam der LG Ultralauf mit individueller Verpflegung und Motivation.

Sorgen machten mir die zweiten 12 Stunden. Wie kann man die trainieren ohne vorher die 12 ersten Stunden gelaufen zu sein? Man kann sich ja nicht im Training völlig abschießen, weil im Gegensatz zum Wettkampf danach das Training weitergehen muss. Ich hatte mir die Rundenzeiten aus dem Vorjahr schicken lassen und festgestellt, dass ich in den zweiten 12 Stunden unfassbar langsam war, obwohl ich in Erinnerung hatte, dass ich alles gegeben hatte. Ich hatte für mich eine Vielzahl von Motivationsmöglichkeiten vorbereitet:

  • - das Summen von Ohrwürmern
  • - Gespräche mit dem innerem Schweinehund „Du Lusche, dich mache ich fertig“
  • - Das weltbeste Betreuerteam sollte mir die langsamen Rundenzeiten aus dem Vorjahr jede Runde mitteilen, die es zu schlagen gilt
  • - Kilometersammeln für einen guten Zweck im Wettstreit mit einem Vereinskollegen
  • - viele Schritte für den Fittnesstracker machen
  • - gegen Ende knappe Entscheidungen im Mannschaftswettbewerb beeinflussen oder Vereinsrekorde mit der Mannschaft aufstellen usw.
  • - zwischendurch pro Kilometer einen Tuc-Keks futtern
  • - wenn’s schwer wird, lächeln
  • - das Erreichen der Zeitmessung, des weltbesten Betreuerteams, des Garagenhofes, des Mülleimers, des „Berges“, des Wasserbehälters, des Rondells, der Zielkurve
  • - und wenn gar nichts hilft, machen wir das Beste draus

Motivation war für mich der Schlüssel zum Erfolg. Vor mir musste immer eine Möhre baumeln, die erreichbar schien, dann würde ich irgendwie durchkommen können und ich konnte mir jede Runde eine von den vielen Möhren aussuchen, die ich aufgelistet habe. Ich hatte in der Woche vor dem Wettkampf alles mit der Chefin Evi des weltbesten Betreuerteams über eine Stunde am Telefon durchgesprochen und die Chefin hat versprochen zu liefern.

Die zwei großen Unbekannten

Sorgen bereiteten mir noch zwei weitere Aspekte:

Der latente leichte Schmerz im linken Fuß, von dem ich anfangs berichtete, wurde nicht weniger. Auf einer Skala von 0 bis 10 war es eine 2. Die Stelle schwoll an und wurde rötlich, was für eine Entzündung sprach. In Rücksprache mit meiner Physiotherapeutin entschied ich mich für die chemische Keule, eigentlich eine Atombombe, 3x IBU 600/Tag von Montagnachmittag bis Freitagnachmittag. Dadurch sollte die Entzündung ausgelöscht werden.(Bitte nicht nachmachen ohne Rücksprache mit einem Arzt). Ob es hilft, würde ich Samstagmorgen beim Start erfahren. Zumindest in der Vergangenheit hatte es zweimal geklappt.

Das zweite Problem, was mir noch mehr Sorgen machte, war das Wetter. Je näher der Wettkampf kam, desto wärmer war die Prognose. Anfangs fand ich noch Wetterprognosen unterhalb von 30 Grad, doch später war alles gleich schlecht. Jetzt musste sich zeigen, ob das Kühlkonzept was taugte.

Die Verpflegung 

Die Verpflegung bei Ultraläufen ist immer eine schmale Gratwanderung zwischen Kotzen und Verhungern. Man braucht gleichzeitig Kohlenhydrate zur Energieversorgung und Mineralien gegen Krämpfe, also süß und salzig nicht zuviel und nicht zu wenig. Mein Arsenal bestand aus Tuc-Keksen, Bounty, Pellkartoffeln, Salztabletten mit Magnesium und Calcium, Weizenbier, Iso, Iso mit Koffein und Wasser, im ungünstigen Fall noch Tee und Zwieback. 

Iso wollte ich ursprünglich vom offiziellen Verpflegungsstand nehmen, um das weltbeste Betreuerteam etwas zu entlasten. Michael hatte in einem Vorbericht geschrieben, dass der DLV Iso einer bestimmten Marke dem Veranstalter kostenlos zur Verfügung stellt. Ich hatte daraufhin das Produkt gegoogelt, um in Erfahrung zu bringen, wieviel Energie darin enthalten ist. 24% Kohlenhydrate, davon 24% Zucker aufgelöst in einem halben Liter hat mich nicht begeistert, schien mir jedoch machbar zu sein. Besorgt hat mich eine andere Angabe: Mit jedem halben Liter würde ich meinen Tagesbedarf an Magnesium aufnehmen. Für andere DLV-Laufveranstaltungen, die überwiegend auf der Bahn und maximal bis zum Marathon auf der Straße stattfinden, mag das in Ordnung sein. Bei einem 24h-Lauf wäre die Magnesiummenge jedoch so gigantisch hoch, dass ich befürchtete, die 24h mehr sitzend als laufend zu verbringen. Als ich Michael und Martina meine Bedenken mitteilte, beschloss das weltbeste Betreuerteam (hier Martina) für unser Team eigenes Iso mit einer besseren Zusammensetzung anzurühren.

Schuhe

Für Training, Testwettkämpfe und Wettkampf hatte ich mich für den Kinvara von Saucony entschieden. Größe 44,5 für die schnellen Einheiten, Größe 45 für die langen Einheiten. Vorteil: leicht, geringe Sprengung (4mm), viel Raum vorne, Nachteil: Im Profil sammeln sich beim Lauf auf Schotterwegen Steine an, die die Dämpfung beeinträchtigen. Ich hatte deswegen zwischendurch mit Trailschuhen von Brooks geliebäugelt, aber nicht getestet. Ist jemand von euch in Bottrop mit Trailschuhen gelaufen und kann darüber berichten?

Anreise

Die Anreise erfolgte am Freitag relativ ereignisarm. Mit meinem lieben Vater, der als Helfer bei der Zeitnahme vorgesehen war, fuhren wir nach einem ausgiebigen Frühstück ca. drei Stunden nach Bottrop. Einchecken im Hotel und anschließend in den Batenbrockpark. Alle begrüßen, Startnummer abholen, Streckenbesichtigung, etwas essen, zurück ins Hotel, alle Sachen für morgen bereit legen, die Zeit vertreiben, bis man müde genug zum Einschlafen ist. Im Hotel haben wir noch Vereinskollegin Katrin getroffen, mit der man sich immer sehr humorvoll unterhalten kann. Wir bildeten mit Katrin über das Wochenende eine kurzweilige Fahrgemeinschaft zwischen Hotel und Batenbrockpark. 

Der Wettkampftag beginnt:

In der Vergangenheit hatte ich schon schlechter als sieben Stunden geschlafen und bin gegen sieben Uhr aufgestanden um meine morgendliche Magentablette zu nehmen. 

7:45 Uhr: ein Stück Streusselkuchen, check

8:00 Uhr: Frühstück mit Katrin, zwei Brötchen mit schwarzem Kaffee, check

8:45 Uhr: Füße waschen, Zehen mit Klebeband einwickeln, Füße mit Bodyglide einschmieren, check

9:00 Uhr: Brustwarzen abkleben, Bodyglide an die üblichen Gefahrenstellen, check

9:15 Uhr: Laufsachen, Brustgurt, Startnummer, etc. anziehen, check

9:30 Uhr: nochmal Verpflegung und Rucksack mit allen Klamotten für mögliche und unmögliche Fälle checken (Ich hatte sogar eine Regenjacke mit), check

9:45 Uhr: Mit einem Taxi und Katrin zum Batenbrockpark (mein Vater war schon um 8:00 Uhr zum Aufbauen gefahren)

10:00 Uhr: Das weltbeste Betreuerteam begrüßt, Einweisung wo ist was bei meinem Krempel

Für mich standen drei Trinkflaschen bereit: Wasser, Iso, Weizen(noch in der Kühltasche). Im Gegensatz zu Bechern haben sie durch den Nuckel den Vorteil, dass der Inhalt überwiegend den Magen und nicht das Laufshirt erreicht. Das weltbeste Betreuerteam würde mir die Getränke anreichen, ich während des Laufens trinken, die Trinkflasche 50m weiter in einen Bottich werfen und weiterlaufen. Schnell effizient und sogar umweltfreundlich. Zurückholen und Nachfüllen erfolgt durch wen? Na ihr wisst schon. 

10:35 Buff aufsetzen, wichtig!, check

10:40 Mobilisation und ein wenig Lauf-ABC zum ...hmm, es waren ja bereits 24 Grad

10:50 Startaufstellung und Begrüßung durch die Stadt Bottrop 

11:00 Start

Wer nur den Bericht über den Lauf lesen möchte, kann hier anfangen. :-)

Es gilt die ersten 12 Stunden abzuspulen. Die ersten Kilometer pendeln sich bei 5:35min/km bis 5:45min/km ein. Vorgesehen waren 5:45 - 5:50. Da man im Wettkampf immer zu schnell losläuft, ist es also genau richtig. Eine Runde hat genau 1258 Meter. Also grob anfangs jede Stunde 8 Runden alias 10 km.

Lageplan 2019

Bild 3: Die Laufstrecke im Batenbrockpark

Herbert Steffny hatte mir mal erklärt, dass der Körper maximal 0,9 Liter Flüssigkeit/Stunde verwerten kann, alles darüber fließt ungenutzt durch. Benötigt man mehr zur Kühlung, muss man entweder langsamer laufen oder von außen kühlen. Mein Plan ist es also jede Stunde ca. 0,9 Liter zu trinken, um zu kühlen und Energie aufzunehmen. Für den Salzausgleich sollen alle zwei Stunden eine oder zwei Salztabletten helfen. Alle zwei Runden wird getrunken: Wasser, Iso, Wasser, Weizen. Für die äußere Kühlung habe ich einen Schwamm, den ich ständig in bereit gestelltes kühles Wasser tauche und über dem Kopf in den Buff träufeln lasse. (Während der warmen Testläufe hatte ich keinen Buff, da floss das Wasser vom Kopf in die Schuhe und begünstigte die Blasenbildung.) Dazu feuchte ich immer wieder Arme und Gesicht an, weil durch die Verdunstung Kälte entsteht. Nun, was soll ich sagen. Ich bin begeistert. Es funktioniert! 

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Bild 4: Bottrop, 30 Grad, der Buff sitzt! Ist es irgendwo irgendwie zu warm? Schwamm drüber!

Ich laufe und laufe und fühle mich wohl. Der linke Fuß zeigte auf der Schmerzskala eine 0,5 an. Die Rötung war völlig verschwunden.

In Runde 11 musste ich pinkeln, in Runde 17 nochmal und in Runde 25 kam das große Geschäft auch dazu. Alles kein Grund zur Sorge, jedoch schien nicht sämtliche Flüssigkeit zum Kühlen genutzt zu werden. Ich beschloss, nur noch dreimal pro Stunde zu trinken. Wasser, Iso, Weizen! Wieso sollte ich durch überflüssiges Trinken und Pinkeln Zeit verschwenden? 

Ab Runde 25 habe ich 5 Tuc-Kekse gegessen. Energie, Salz und Zählmarken bis Runde 30 bzw. 37,5 km. Schwups, und schon ist der Marathon in Sichtweite und dann auch nach 4:03h erreicht. Die Rundenzeiten sind weiterhin kontinuierlich unter 6:00min/km. Allerdings stellte ich fest, dass ich nach der Getränkeaufnahme zunehmend Atemprobleme hatte und führte das auf das Luftanhalten während des Trinkens zurück. Ich beschloss daher zukünftig während des Trinkens kurz zu gehen, da ich das unangenehm fand. 

Ab Kilometer 70 wurden die Rundenzeiten etwas langsamer. Kurzzeitig hatte mal der Schweinehund herausgeguckt, dem ich kurz meine Meinung gegeigt habe. Weg war er. Es war jetzt gegen 18 Uhr und die wärmste Phase des Laufes war fast vorüber. Zwar war es mit 28 Grad immer noch zu warm, aber die Kühlung hatte ausgezeichnet funktioniert. Einige Läufer, die mich anfangs öfters überholt hatten, hatte ich länger nicht mehr gesehen. Ich wähnte sie in einer Pause oder mit mir in gleicher Geschwindigkeit meine Runden drehend und eine kleine Staubwolke durch den trockenen Boden hinter sich herziehend.

Der zweite Marathon war nach 8:18 h erledigt. Nun wurde das Laufen deutlich unangenehmer. Ich merkte, wie die Kohlenhydratvorräte aufgebraucht waren und die Maschine in die Fettverbrennung überging. Ich versuchte noch etwas Bounty nachzutanken, aber die Zeiten pendelten sich jetzt recht schnell zwischen 6:30min/km und 6:45min/km ein. Die Kraft floss dahin.

Die 100 Kilometermarke passierte ich nach 10:10h. Eine wunderbare Zeit genau im Plan, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich einbrechen könnte. 

Mittlerweile war es fast dunkel. Ich holte meine Stirnlampe vom weltbesten Betreuerteam, dem meine Unmut nicht verborgen geblieben ist.

Als ich die Stirnlampe einschaltete, war ich erstmal völlig baff. Ich sah Milliarden kleine weiße Punkte im Scheinwerferkegel. Was war das? Bildstörung? Nieselregen? Insekten? Es war Straßenstaub, feinste Partikel, die die vor mir laufenden Teilnehmer aufwirbelten. Nun ja, ist halt so. Ich war froh, dass ich eine logische Erklärung für die Punkte gefunden hatte. 

Etwas später gesellte sich Michael zu mir, der als Staffelläufer mich eine Runde begleitete. Ich erzählte ihm von meinen Problemen. Von der verlorenen Kraft und von meinen Atemproblemen, die sich jetzt auf die ganze Strecke ausdehnten und ich mir nicht erklären konnte. Michael versuchte mich etwas aufzumuntern, was ihm nicht wirklich gelang. Ich sei sehr gut im Rennen, die Beleuchtung sei gut, die Strecke schön, die Temperaturen gut und so weiter. Ich sah vor mir nur einen ewig weiten Weg bis zur 200 Kilometermarke. 

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Bild 5: Das weltbeste Betreuerteam bei der 24 Stundendauerbetreuung. Im gelben Trikot Volker.

Das weltbeste Betreuerteam stellte mir nun seine Geheimwaffe in Form von Volker zur Seite. Volker war eigentlich für den 100 km-Nachtlauf gemeldet, der im Rahmenprogramm um 18:00 Uhr gestartet war. Er hatte aber keine Ambitionen und machte mich zu seiner Mission, indem er mich die nächsten 12 Stunden begleitete, motivierte und mir jeden Wunsch von den Augen ablas. Die nächsten Runden verliefen etwas besser und ich hatte nach 12 Stunden 114 Kilometer auf der Uhr. Nur einen Kilometer hinter dem Plan. Und das, obwohl wir einen ungeplanten Boxenstop einlegen mussten. Eine erste größere Blase unter meinem rechten Fußballen konnte ich nicht mehr ignorieren. Damit war das Blasenkonzept gescheitert. Trotz des Blasenpflasters, welches mir das des weltbeste Betreuerteam mit Volker verpasst hatte, musste ich die nächsten 12 Stunden mit Schmerzen der Stufe 4 im rechten Fußballen verbringen.

Die nächsten Stunden kriege ich nicht mehr richtig zusammen. Anfangs lief es trotz der Schmerzen etwas besser und ich konnte tatsächlich einige Runden unter den von Evi angesagten Rundenzeiten des Vorjahres bleiben. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass meine Atembeschwerden immer schlimmer wurden. Wir wechselten inzwischen in immer längere Gehabschnitte, damit ich im wahrsten Sinne des Wortes Luft holen konnte. Ich konnte und wollte auch nichts mehr essen, stand zwischendurch an der Strecke und wollte mich übergeben. Kam aber nichts. Weiter gehts. Volker hatte die Uhr im Blick. 200 Kilometer waren immer noch drin. Die Runden wurden immer länger und quälender. Mittlerweile hatte ich auch unter dem linken Fußballen eine Blase mit Stufe 3, die abgeklebt wurde. Durch den unrunden Lauf meldeten sich dann nach und nach Knie, Gesäßmuskel, Rücken und Nacken. Jeder Schritt schmerzte im ganzen Körper, zusätzlich keine Luft, aber die Chance auf 200 km war da. Ich habe die Uhr bei der Zeitmessung noch genau in Erinnerung, als wir die 170 km erreicht hatten. 4:33:00 für lächerliche 30 Kilometer. Ich konnte noch ausrechnen, dass das 9min/km sind. Unfassbar langsam. Normalerweise hüpfe ich die Strecke auf einem Bein rückwärts, aber heute? Volker und ich machten uns auf den Weg. Laufen, gehen, luftholen, laufen, gehen... Die Kilometerzeiten passten: 8:35, 7:45, 8:09. Wir erarbeiteten uns einen kleinen Puffer. Dann passierte es. Urplötzlich innerhalb von wenigen Metern meldete sich mein Darm. Ich sagte zu Volker: „Ich muss aufs Klo.“ „Ich muss schnell aufs Klo“. Noch 200m, noch 100, noch 50. Rein ins Gebäude, falscher Raum. Wieder raus und hintenrum. Doch so hinten rum war es bei mir bereits zu spät. Als ich das Klo erreichte, saß ich im mehrfachen Sinn in der Scheiße. Ich wusste das und Volker wusste es auch. Die Zeit floss dahin, meine letzte Kraft floss ins Klo und einen Teil davon schmierte ich mit Klopapier aus meiner Hose. Meine Moral war gebrochen. Also machen wir das beste draus. Das letzte Fünkchen Motivation, was noch übrig war. Wir gingen zum weltbesten Betreuerteam und holten erstmal Zwieback, den ich fast nicht runtergekriegt habe. Die nächste Runde gab es Haferschleim und danach Tee. Inzwischen war es hell. Mein Zustand stabilisierte sich. Die Atemnot wurde etwas weniger, aber hat mich noch mächtig behindert. Ich begann wieder sehr kleine Abschnitte zu laufen. Zwei Laternen, ca. 50m. Dann wieder gehen. Am Garagenhof bis zum Mülleimer, dann wieder gehen. Weiter, immer weiter. Ich wollte wenigstens mein Ergebnis vom letzten Jahr erreichen, 187 km. Inzwischen motivierte ich mich an bestimmten Stellen immer ein ganz kleines Stück weiter zu laufen als die Runde davor. Volker hatte inzwischen seine 100 Kilometer fertig und durfte mich nicht mehr begleiten. Ab und zu nahm ich einen neuen Abschnitt dazu. 190 Kilometer schienen möglich, vielleicht 191. Ich machte eine Art Fahrtspiel. Im Schatten laufen, in der Sonne gehen. Inzwischen hatten wir wieder weit über 25 Grad. 

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Bild 6: Von der Nacht gezeichnet.

Es war noch ca. eine Stunde zu laufen als mich kurz vor der Zeitmessung ein Vereinskollege überholte. Er hatte mich letztes Jahr in der letzten Runde überholt. Es hatte mich etwas gewurmt, weil ich die letzte Runde damals mit meinem Vater gegangen war. Völlig legitim und normal, dass er mich überholt hat. Sollte er hinter mir hergehen, nur weil ich gehe? 

Ich wusste nicht, wie er dieses Jahr im Rennen lag und schaute erstmals auf die Leinwand, wo die Ergebnisse angezeigt wurden. Ich 150 Runden, er 149. Ich ging, er lief. Der wird doch nicht schon wieder... Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass es schlecht um mich stand. Was blieb mir anderes übrig. Tunnelblick! Beine in die Hand und irgendwie laufen, irgendwie bewegen, nur schnell. Ich blickte mich immer wieder um, wo bleibt er, wo kommt er. Noch 45 Minuten. Sooo lang. Immer noch nicht in Sicht. Weiter laufen, irgendwie laufen. Das weltbeste Betreuerteam wusste nicht was passiert war und brach in Begeisterungsstürme aus. Noch 30 Minuten, immer noch nichts zu sehen. Wieder eine Runde geschafft. Das weltbeste Betreuerteam in Extase. Ich in Panik. Wo bleibt er? Dann, 15 Minuten vor Schluss, da ist er. VOR MIR. Was war passiert? Hat er mich überholt? Habe ich es nicht gemerkt? Habe ich ihn eingeholt? Er ging, ich lief. Hmm. Als ich auf seiner Höhe war ging ich auch, fing unverfänglich ein Gespräch an. „Wie gehts? Ist schon ganz schön warm wieder.“ Wie sollte ich rauskriegen, ob ich ihn wieder eingeholt habe oder er mich? „Wie weit bist du?“ „Etwas über 190!“. Aha. Aber wieviel hatte ich? Und wieviel ist „etwas“? War ich eine Runde vor ihm oder waren wir gleichauf? Wir gingen auf die Zeitmessung zu. Noch 12 Minuten! „Ich laufe noch ein bisschen“ und weg war er. Ich hielt die Luft an, ich war fertig. Lägen wir gleichauf, er wäre dann vorne. Ich tendierte jedoch dazu, dass ich eine Runde vorn war und wurde etwas ruhiger. Ich ging, er lief. 1,258 km?, in 12 Minuten? Klingt machbar. Uff, auf geht’s! Eine Runde später und eine Minute vor Schluss sehe ihn sitzend im Schatten, ich laufe noch vorbei, suche mir ebenfalls einen Schattenplatz und hörte die Schlusssirene. 

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Bild 7: Das weltbeste Betreuerteam in Höchstform

Aus und vorbei. Nie wieder tue ich mir das an! Nie wieder! Kurze Zeit später kommt das weltbeste Betreuerteam jubelnd auf mich zugelaufen mit Stuhl und Getränken. Was für ein geiler Verein! 195,850 Kilometer, neue persönliche Bestleistung, Deutscher Seniorenmannschaftsmeister, Deutscher Vizemannschaftsmeister bei den Männern, Deutscher Vizemeister in der Altersklasse Ü50, zwei Runden vor meinem Vereinskollegen (ich hatte ihn wohl mit Tunnelblick zwischendurch überholt und es nicht gemerkt)

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Bild 8: Siegerehrung für die Seniorenmannschaften mit meinen Vereinsfreunden Klaus Haake und Michael Bohm, auf Platz 2 unsere zweite Mannschaft mit Konrad Vogl, Helmut Schöne und Willi Klesen (nicht im Bild). Auf dem dritten Platz die Sportfreunde vom Bautzener LV Rot-Weiß.

Natürlich muss ich mich an dieser Stelle bei ganz vielen lieben Menschen ganz herzlich bedanken. Ich zähle keine Namen auf, weil ich Angst habe jemanden zu vergessen. Ihr wisst schon, dass ihr gemeint seid. 

Nie wieder? Nächstes mal sind sie fällig, die 200!

P.S. Katrin hat mich darauf gebracht, dass die Atemprobleme durch die staubige Luft entstanden sein könnten. Hat jemand sowas schonmal erlebt und kann das bestätigen?

28.08.2019 Text: Jens Allerheiligen Bilder: LG Ultralauf, Martina Irrgang, Run for Fun/Hollenseelauf

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