Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

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Es lohnt ja immer mal wieder, dieses ganze eigenartige Läufervokabular anhand der Reaktionen von Nichtläufern zu spiegeln. Zum Beispiel mag ich den Moment, wenn irgendeiner im Kollegenkreis auf die Idee kommt, eine peinliche Gesprächspause damit zu überwinden, nachzufragen, welche großen Läufe der Andreas denn demnächst am Start hat und die Minen sich verziehen, wenn ich "Tortour de Ruhr" sage. Perfekt ist dann die Beobachtung wie diese Gesichter aus den Köpfen rausfallen, wenn ich dann noch verrate, wie lange die TTdR denn ist. Empfehlen kann ich auch "Fuffi geht immer" :-)

Reg 1Ein solcher war heute in der Tat auf der Regattabahn zu Duisburg-Wedau angesagt. Ein liebevoll organisierter Lauf von Henning und dem LC Duisburg mit vielen Helfern, zu dem ich mich kurzfristig entschloss. Zwar wäre eigentlich für den TAR Bergtraining angesagt, aber das Verschieben für den Regattalauf hat sich gelohnt. Weil das alles so nett ist hier: kleine Ansprache zu Beginn, Streckenposten, die einen kennen und (wahrscheinlich viele) persönlich anfeuern, zwei VPs auf einer 5,5km-Runde und ein ganz entspannter Bruttostart und Zeitnahme per Stoppuhr. Vielleicht melde ich mich nächstes Jahr etwas zeitiger an ;-)

Meine Startnummernachbarin Gülay, die für den DLL trainiert, habe ich ebenso wie Trailtiger Christian schon vor dem Start getroffen. Befragt auf meinen Plan gab ich ehrlich an, irgendetwas zwischen dem letzten Regattalauf mit 4:38 und der Bestzeit beim Bottroper Herbstwaldlauf mit 4:08 zu erwarten, die gefühlte Fitness ließ mich aber eher etwas in Richtung der letzten Regatta ahnen.

Aber egal, Startaufstellung zur ersten, etwas längeren Runde, die von acht weiteren etwas kürzeren gefolgt werden sollte, runterzählen und los. Rakete Falko Gallenkamp, der heute einen neuen Streckenrekord mit unglaublichen sub dreieinhalb aufstellen sollte, war sofort weg, hinter ihm noch zwei weitere Hasen und ich sortierte mich dahinter ein, um mich dann Stück für Stück einsammeln zu lassen. Wobei der Abstand zu einem "weißen" und einem "blauen" Läufer relativ konstant blieb. Das bemerkte auch Christian, der irgendwann auf mich auflief. Wir quatschen dies und das, verloren darob auch mal die eine oder andere Sekunde, aber es war sehr kurzweilig. Auch das Überholmanöver von Falko Gallenkamp war ein Erlebnis, vergleichbar vielleicht mit der Situation, an irgendeinem brandenburgischen Bahnsteig auf einen Bummelzug zu warten, während so ein full-blown-ICE da durchgeht.

Und die beiden Läufer immer vor uns. Bei km 30 war klar, dass Christian nach vorne zieht (ich hätte sein Tempo auch ohne Absprache nicht halten können) und ich weiter hinterher. Irgendwann überholte ich dann beide, wurde aber selber weiter eingesammelt. Runde 7 und 8 waren sicher etwas zäh, aber auch die gingen vorüber.

In der letzten Runde vernahm ich dann kurz vor dem Ziel ein Getrappel steigender Frequenz. Ich ahnte, was mir da ins Haus stand, wollte mich aber nicht geschlagen geben und versuchte selber einen kleinen Sprint - der im Vergleich zu dem des "Blauen" (der sich nachher als sehr netter, aber eben auch sehr viel fitterer Läufer entpuppte) aber als bemüht bezeichnet werden musste.

Christian hat sich an die Spitze der kleinen Läufertruppe einen guten vierten Platz gesichert - Glückwunsch! Ich kam als Achter rein, immerhin als zweiter meiner AK, mit 4:16 schneller als ich erwartet hatte, auch wenn ich von der Herbstform noch weit weg bin.

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Es gab keine außergewöhnlichen Wehwehchen, ich bin zufrieden. Und heute Abend zufällig wieder nach Duisburg mit Freunden in den Ziegenpeter, einen schönen Sonnenuntergang am Rhein genießen. Runde Sache, Dankeschön für den schönen Lauf!

Text und Bilder: Andreas Häußler, 14.07.2019

WiBoLT: Wiesbaden Bonn Lauf/Trail – Rheinsteig Nonstop; 320Km und 11700Hm

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Mein Name ist Nicole und da geht’s lang – Foto Anke Wahrlich

Es ist Samstag Abend, der 22. Juni 2019 gegen 19:20 Uhr, als ich den Marktplatz von Bonn erreiche. Endlich!!! Es ist vorbei. Geschafft!!! Ich vergesse meine Uhr zu stoppen. Wie immer. Es ist mir egal. Ich bin da. Habe ich mich gerade auf den letzten 10Km noch groß gefühlt und den Wahnsinn selbst nicht verstanden, musste schlucken und hatte Tränen in den Augen, so fühle ich mich jetzt etwas klein und verloren auf dem Bonner Marktplatz. Erschlagen von mir selbst. Michael Eßer erwartet mich mit den Worten: „Endlich!“ Mehr gibt es auch eigentlich erstmal nicht zu sagen. 947 Km habe ich gebraucht, um hier anzukommen. Verdammt viel. Verdammt lange. Dreimal ging die Sache nämlich deutlich in die Hose.

Nici32015 war´s, als ich mich mutig zum WiboLT angemeldet hatte. Na klar, Das werde ich schon schaffen. Ich war mir sehr sicher. Haben ja schon Andere geschafft. Damals hatte mich die Strecke mitten im Wald vor Rengsdorf zusammengefaltet. Heulend saß ich auf einen Baumstamm und telefonierte mit einem Lauffreund. Bat ihn mich da raus zu holen. Ich war platt und fertig. Ende im Gelände. 205Km etwa... waren es. Meine Sachen holte ich in Feldkirchen (Km 231 – Drop Station und VP) ab. Gegenüber der Loreley hatten wir uns dann eine Unterkunft gesucht und ich weiß noch, wie ich in Gedanken nicht fertig war! Und es sollte noch lange nicht fertig werden. Ich war oben auf dem Weg. Gefangen. Jahrelang. Ich weiß auch noch, dass ich Fisch gegessen und einen leckeren Wein getrunken hatte. Am nächsten Tag waren wir noch einmal beim Niederwalddenkmal oben. Was für eine geile Aussicht hier. Ich muss noch mal her, denke ich. Jeder muss da doch hin! Allen habe ich vom Rhein und dem Rheinsteig erzählt. Auch wenn sie es nicht wissen wollten. War mir doch egal. Ich habe nicht verstanden, dass man da nicht hinfährt. Ok ‘n kleinen Knall könnte ich da schon haben. ´n Treffer eben. Freundlich einen an der Waffel. Das Gedicht von Heinrich Heine war in mir eingebrannt. Gelernt. Loreley. Is‘ ja klar. Genauso wie die Aussichten mit den vielen Burgen. Ich kam mir vor wie eine Prinzessin oder eine „Ritterin“. Viel früher etwa 10 bis 12 Jahre zuvor bin ich da unten schon lang gefahren. Fasziniert von der einmaligen Landschaft. Dem Welterbe Oberes Mittelrheintal.

2016 stand ich dann wieder tapfer und sicher am Start. Jetzt klappt es ja auf alle Fälle. Muss ja. Ich war angespannt nervös. Meine Beinmuskeln verkrampft. Los ging es. Endlich. Wird schon werden. Nach 30Km hatte ich die Verspannungen raus aus dem linken Bein. Rechts... Mist. Es wurde schlimmer. Mein Schienbein jammerte jetzt laut. Ey, man, nach 30Km schon. Heute weiß ich auch, das Calfs Mist sind. Und wahrscheinlich waren die Schuhe auch nicht so das Richtige. Ich zog diese halben Wadenbeißer aus und schnitt die Socken ein. Irgendwann lief ich barfuß im Schuh. Dann schnürte ich die Schuhe anders und hinter der Loreley (Km 107) fing ich an, mir einen Salbenverband zu machen. Ich massierte immer wieder an Wade und Schienbeinmuskeln und lief auf den Ballen bis ich nach 191Km in Vallendar unter den Verband schaute. Die Fußstellung auf den letzten 5Km bis dahin... puhh. Ich wusste nicht, dass man so eine Fehlstellung haben kann. Mein Unterschenkel glühte und über gut 25cm sprang mir eine rote, dicke Entzündung ins Auge. Ich musste einsehen, dass das so nicht mehr lange gut ging. Gut im Sinne von noch nicht gebrochen... Wieder holte ich mein Gepäck in Feldkirchen ab oder besser, ich wurde hin kutschiert. Diesmal bin ich gleich nach Hause und habe mich versteckt, war aber noch 2 Wochen beschäftigt mit der Entzündung und dem Zähne-zusammenbeißen.

2017 klappt es aber sicher. Schon, weil ja alle guten Dinge 3 sind. Voller Hoffnung und mit viel Herz ging ich wieder ran an die Sache. Schlafen wollte ich in Feldkirchen. Mir ist es unterwegs nicht möglich, da ich nie eine Betreuung hatte und somit nicht im Auto schlafen kann, was erlaubt ist. Auf einer harten Bank ging es aber auch nicht. Diese Powerminutennickerchen sind mir ein Rätsel, aber gerne übe ich weiter. Als ich zwischen 19:30 und 19:45 Uhr in Rengsdorf ankomme und kurz danach weiterlaufe, denke ich noch, dass ich gegen 22:00 Uhr im 16Km entfernten Feldkirchen ankommen werde. Doch ich war nun zu lange wach und irrte leicht wirr durch die Gegend. Es war Freitag/Samstag Nacht und ich hatte seit Mittwochmittag kein Auge zugetan. Es wurde 1:30Uhr und ich verstand die Welt nicht mehr, geschweige denn mein Navi... quatschte irgendwas Wirres, als ich im VP ankam und fiel auf die Matte. Um 6:00 Uhr zur Cutt off Zeit wurde ich geweckt. „Nicci willst du jetzt weiter?“ Aus dem Tiefschlaf schrecke ich hoch mit dem Wort: NEIN!!! Später wusste ich nicht, warum ich nein gesagt hatte, aber damit war ich raus... Als ich meine Schlafnot dem Mann der ersten Frau mitteilte, grinste er nur und sagte: „Manche haben es halt besser als du!“ Danke und Tschüß. Im Herbst 2017 beschloss ich dann, dass meine längste Strecke der JUNUT sein wird oder alles was ähnlich lang ist, also max. 240/250Km, denn zwei Nächte konnte ich durch machen. Alles andere naja...Man muss ja auch nicht alles können... auch wenn man will. Ich mach ja dann später eh wieder Leichtathletik und renne 10000m Seniorenmeisterschaften... doch bestimmt!

So war es auch nicht weiter wild für mich, dass 2018 gar kein WiBoLT stattfand. Ich brauchte es nicht mehr. Was für ein Glück. Wenn da bloß nicht immer die Rheindokus, das Gedicht, die Lieder, die Freunde und die Bilder im Kopf wären. Ich war nicht fertig. Ich gebe nicht einfach so auf.... Na egal, das mache ich nicht mehr. Nie wieder... bis... bis 2019.

Und nein es war nicht lange geplant. Ich hängte es nicht groß an die Glocke und nur durch die KH Schließung in Hersbruck, konnte ich so viel Frei am Stück im Juni so plötzlich haben. In Herschi ging schon lange nichts mehr. Wir waren am Limit. Als wir mitgeteilt bekamen, dass wir hier in 8 Wochen schließen, zog es mir 3 Tage vor dem JUNUT die Füße weg, aber ich lief ihn trotzdem, weil, wenn ich auf dem Sofa sitze, hilft das auch Keinem und außerdem war ich mir sicher, dass ich ihn schaffe. Ich hatte 4 Monate dafür trainiert. Das ist mein JUNUT. Mein 7. Start. Meine JUNUT-Familie. Ich lasse es mir nicht nehmen, wenn ICH es WILL. Mein Kopf fühlte sich leer an. Alles ging automatisch. 42 Stunden und mehr ratterte es unentwegt im Hirn und ohne es zu wollen, dachte ich 2Km vor Dietfurt: dieses Jahr schaffe ich den WiBoLT. Keine Ahnung wo der Gedanke jetzt her kam. Ich brauchte nur frei. Als ich dort in Dietfurt ins Ziel komme, ist einer meiner ersten Sätze dann zur Chefin Margot: Ich verstehe nicht, dass ich schon da bin. Ich habe doch noch nicht zu Ende gedacht. Ich war vielleicht auch etwas wirr, aber das erklärt sich sicher auch im langen wach sein. Anfang Mai hatte ich den Dienstplan und es hatte geklappt. Im Gesichtsbuch schrieb ich nichts. Ich kann ja immer noch was schreiben, wenn ich Feldkirchen verlasse, so dachte ich. JUNUT Chef Gerhard entdeckte mich aber dennoch und fragte ca. 2,5h vor dem Start per Messenger, ob ich denn nur zur Zierde auf der Startliste stehe oder jetzt wirklich in Wiesbaden schwitze. Ich fand erst mal, dass ich eine schöne Zierde bin und schrieb dann die Wahrheit. Ich wollte, wenn es geht, bis Sonntag 12:00 Uhr in Bonn sein und wenn nicht auch 2 Stunden später mit DNF. Ich mach das jetzt zu Ende. Es ist eine Angelegenheit zwischen mir und dem Weg. Ganz langsam und mit dem Ziel dieses zu erreichen. Kein Druck. Kein Nichts. Vier oder Fünf andere Lauffreunde hab‘ ich auch noch eingeweiht und der Rest der Welt war mir erst mal herzlich egal, weil ich war beschäftigt und offline. Rennhandy an mit ein paar wenigen wichtigen SMS Nummern (man freut sich ja doch mal, wenn eine Nachricht aus der Zivilisation eintrifft...) und Wischfone aus und ab ins Abenteuer. Kurz vor dem Start lernte ich noch meine Vereinsmitglieder Klaus mit seiner Cathrin und Stefan kennen und unterwegs turnte auch Michael Vorwerg immer mal in meiner Nähe rum. Cathrin meinte vor dem Start, dass wir unbedingt ein Bild machen müssen, weil der Michael (Irrgang war wohl gemeint, der Sportchef der LG Ultralauf) freut sich dann. Na wir wollen ja, dass er sich freut und posieren etwas rum. Ich mag ja eigentlich gar keine Vorstartbilder, aber in Anbetracht der Tatsache, dass man bei so einer Streckenlänge wohl vorher besser aussieht als hinterher, war es mir diesmal ausnahmsweise egal. Noch hier und da ein Wiedersehen, Hallo und Gedrücke. Ach, wie schön. Sind ja auch immer die gleichen Mittäter. Den Tracker an und dem Briefing gelauscht. Ich bin wieder hier!

Da stehe ich nun. Eingehüllt in Demut, einer Menge Respekt vor dem Weg, vor mir und dem Ungewissen. Vielleicht auch ein bisschen mit „Hosen voll“, aber ich war zumindest mutig, fand ich. Mit den ersten Worten von Michaels Briefing im Kopf, machte ich mich zusammen mit meinen Artgenossen auf den Weg. Die Worte sollten mich noch einholen: „Ihr werdet euch verlaufen!“ Ja, da flutscht die Motivation erst mal drüber. Man will so was ja nicht hören. Verlaufen? Ich doch nicht! Bei 33 Grad rollten wir vorsichtig davon. Bloß nicht so doll die Füße heben. Ich will ja nicht unnütz Kalorien auf den Weg schmeißen. Schön ruhig. Ich habe Zeit. Richtig viel Zeit. Der erste VP wird in Schlangenbad erreicht. Meine Beine fühlen sich gut an, sind leicht und ich lasse mich gerne überholen. Noch weiß ich, was ich tue und freue mich auf die Nacht. Auch weil es hoffentlich dann etwas mehr Luft zum Atmen gibt. Bei so einer langen Strecke, dachte ich mir, dass es reicht, wenn ich so nach 2:30h in Schlangenbad bei Km 16,7 bin. Das reicht vollkommen aus. Wie gesagt, ich bin geizig mit Kalorien. Nichts wegwerfen. Und so beobachte ich gerne die Anderen und lass mein Gehirn denken, was es will. In Schlangenbad angekommen, sitzen Michael Eßer und Ulrich Hansmann (quasi die Chefs) vor der Pizzeria und haben leider keine Pizza vor sich. Schade, mein Plan war eigentlich mir ein Stück zu klauen, aber ein Keks und ein warmes Bier tun´s ja auch. Man muss bescheiden sein. Hilft ja nichts. Noch ist es hell und nach dem kurzen Stopp geht es weiter auf die längste Etappe. 38Km sind es jetzt bis zum Niederwalddenkmal und ich freue mich jetzt schon auf diese Aussicht, die auch mitten in der Nacht einmalig ist. Aber erst mal weiter. Plötzlich kommt mir immer wieder in den Sinn, dass es so schön ist, da zu sein, wo ich gerade bin. Ich habe es vermisst. Hier im Moment zu sein. Es ist wieder anders als beim JUNUT im April. Ich bin auf der Strecke. Konzentriert auf den Weg und mit mir. Ich will nur anders als beim JUNUT und hier zuvor Pausen machen. Ich bin unterwegs. Ich bin hier. Ich bin auf dem Rheinsteig. Der Alltag ist weit weg und nicht wichtig. Bis Kiedrich ist es hell. So ungefähr. Ich laufe und gehe im Wechsel. Laufwandern oder Speedwandern nenne ich das. Trinke, esse, schaue und genieße die Weinberge um mich herum, aber auch die Wälder. Kurz vor Kiedrich spuckt mich der Wald aus. Ein Traum die Lage und der Moment, vorbei an einer Burgruine, runter über Treppen und ein kleines Stückchen durch den Ort. Ich habe nichts vergessen. Die Luft ist tropisch und in der Ferne blitzt immer Mal der gesamte Himmel hell auf. Gigantisch und groß. Das geht bis 3:00Uhr gut, ohne dass ein Tropfen fällt. Oh Gewitter, bleib bitte da, wo du bist! Glücklich bin ich auch mit meinem Rucksack, der leer etwa nur 280gr wiegt und außerdem gibt es ja nicht viele in Größe XS und 20L für Mädchen. Um an manche Dinge wie Handy, Magnesium, Salz, Basica und Gedöns schnell ran zu kommen, habe ich noch ‘ne Bauchtasche um. Stören die Stöcke, was sie bei mir manchmal tun, kann ich sie schnell vorne oder an der Bauchtasche befestigen. Ich bin froh, dass das passt. Da kann man sich schon mal freuen. Durch viele Weinberge geht es so dahin. Klöster, Weingute, Schlösser wechseln sich ab. Obwohl es mitten in der Nacht ist und ich jetzt allein unterwegs bin, erkenne ich den Weg zwischen den Weinbergen wieder. Ich beschließe, mich mal näher mit diesen Weinen zu beschäftigen, wenn ich wieder daheim bin. Ich glaube, diese Weine haben es sich jetzt bei mir auch verdient. Ein kleines bisschen später als gedacht treffe ich nach 2:40 Uhr oben am Tempel vor dem Niederwalddenkmal ein. Ich freue mich, auch Klaus dort lebend zu sehen und genieße mit einer Kartoffelsuppe und ‘ner Flasche Iso die Aussicht im Campingstuhl. Herrrrlich. Das ist so eine Stelle zum Zeit anhalten. Bald schon aber breche ich wieder auf. Kurz dahinter geht es am Niederwalddenkmal vorbei. Das Denkmal liegt oberhalb der Stadt Rüdesheim und soll an die Einigung Deutschlands von 1871 erinnern (fertig gebaut 1883). Es gehört seit 2002 zum UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal. Und genau da befinde ich mich nun bis Koblenz. Die nächste Station ist die 20Km entfernte Weinstadt Lorch bei Kilometer 75 etwa. Wann ich genau da war, weiß ich nicht mehr. Am VP traf ich Hannes und Michael Vorwerg und ich weiß noch, dass ich ein halbes Brötchen, einen Pfeffi Tee, Cola mit ‘n Weizenbierschuss und ein Rührei hatte. Ich frühstücke sonst anders. Hannes und Michael ließ ich erst mal ziehen. Ich wollte unterwegs nicht unbedingt viel reden. Mir reicht ab und zu mal und ich hatte ja auch meinen Rhythmus. Bald machten sie eine Zwangspause und ich wackelte vorbei. Es ging jetzt heftig hoch in den Weinbergen. Waden wurden gedehnt, die Sonne knallte und der Sauerstoff war knapp. Ich freute mich jetzt auf die Loreley und ein Wiedersehen mit Eva, die dort den VP mitbetreut hatte und fotografierte. Sie war eine, die wusste, dass ich da bin und jetzt komme. Im Kopf besangen jetzt Dschingis Khan die Loreley im Wechsel mit dem Gedicht von Heinrich Heine. Manchmal sang ich leise vor mich her. War mir doch egal. Der Tag war schön, sonnig und verdammt steil die An und Abstiege. Hannes und Micha ließ ich wieder vorbei. Ich brauchte auch eine kleine „Zwangspause“ und ich wollte mich nicht drängen lassen. Ich hatte Zeit. Is‘ ja noch nicht Sonntag. Gegen 12:30Uhr wollte ich da sein. Es war wohl etwas früher, als ich Eva direkt in die Arme lief. Kilometer 107. Dropdingsstation. Erstmal was trinken, Tasche schnappen und ab unter die Dusche. Frische Klamotten, überall die Akkus gewechselt, neues Tape an die Knie, Riegel auffüllen, einmal über die Mini Blackroll gerollt am Boden, Zähne putzen... als fast neuer Mensch und ohne Eile ging ich wieder zum VP. Eva wartete schon und bediente mich mit Suppe, Kaffee und was anderes zum Trinken. Es war schön, sich wieder zu sehen und zu quatschen. Klaus, Michael und Stefan waren auch irgendwie mit am Tisch. So ganz habe ich aber nicht auf sie aufgepasst, weil ich war ja mit mir beschäftigt. Noch was für unterwegs in den Rucksack vom VP-Tisch gestopft, noch mal gedrückt... alles Gute und Tschüss, weil ich muss ja weiter ziehen. Auf geht’s. Ich wackel so vor mich hin, muss erst mal wieder in Schwung kommen. Aber mit zunehmendem Alter hat man da ja Übung drin. Mit dem in Gang kommen. Nächster Stopp: Uschi. Ja, genau. Es geht zu Uschi. Uschis Wanderstation in Oberkestert bei Kilometer 124. Vorbei an Burg Katz, dem Dreiburgenblick und später auch der Burg Maus, logisch finde ich. Keine Katze ohne Maus. Auf der anderen Rheinseite stehen auch Burgen. 40 sollen es zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz sein. Weltweit die größte Dichte. Glaube ich... Wie es hier wohl früher war? So ganz kann ich erst mal nicht dran denken, denn mein Rucksack scheuert an der rechten Schulter. Als ich anhalte, ein Pflaster raus krame, kommt Klaus an mir vorbei. Als er merkt, dass ich noch lebe und ich sage, dass es nicht so schlimm ist, murmelt auch er etwas von Uschi. Jepp, bis gleich! Der Schulter ist das egal, wo es hin geht. Ist zwar jetzt aufgescheuert, aber versorgt mit Pflaster. Passt schon. N bisschen Schwund is‘ ja immer. Draußen weist die Schwester von Uschi Jugendliche auf den Zeltplatz ein und mich mit strengen Worten im leichten Befehlston in die Wanderstation. Da gehorche ich doch gerne. Man will ja auch keinen Ärger. Ich komme kurz nach Klaus und knapp vor Michael dort an. Aus dem Kühlschrank springt mich ein Paulaner Weizen Zitrone ohne Umdrehungen an und Uschi schmiert mir noch mit Liebe ‘ne Käse-Salamistulle. Nie war ‘ne Scheibe Brot so lecker. Michael nahm ein Weizen und ein Bett und Klaus ein Weizen ohne Zitrone, dafür aber mit Käsekuchen. So unterschiedlich kann Abendessen sein.

Bald bin ich wieder aufgebrochen und es dauerte nicht lange, bis die ersten Tropfen fielen. Schnell wurde ein heftiger Regen draus und da es mir zu warm war für Gore Tex Klamotten, hatte ich griffbereit einen Einmalregenponcho, gleich neben der Notfalldecke im Rucksack und zog ihn geschwind drüber. Es goss wie aus Kübeln und der Weg, der jetzt auch schmal war, wurde sofort seifig. Der ausgetrocknete Boden konnte das Wasser nicht aufnehmen. Vorsichtig tippelte ich konzentriert auf den nächsten Schritt über die Wege und überholte wieder Klaus. Kurz hinter Burg Liebenstein, bei Kamp Bornhofen war der nächste VP. Verpflegungspunkt war vielleicht etwas übertrieben. Ein großer Wasserkanister stand bereit für uns. Wasser auffüllen war wichtig, denn bis Braubach bei Km 160 und Halbzeit dauert es noch bis kurz nach Mitternacht. An manchen Stellen ist es weiterhin glatt und stürzen könnte man locker hier und da. Dafür ist die Luft herrlich. Endlich mal Sauerstoff. Auf einer Bank ziehe ich mich um und an. Die Socken sind mir zu kalt und nass, also mit einen doofen Bauchgefühl diese aus (ich trage seit dem Start Kompressionsstrümpfe...) jetzt kommen die Wasser“dichten“ und wärmeren an die Füße und vor allen ein langes Hemd, Poncho aus und ‘ne Regenhose an. Nicht wegen des Regens. Der hatte aufgehört, aber auf den schmalen Pfaden hängt so viel klatschnasses Gras drin... brrr... kalt, nass, doof. Da war an so manchen Stellen gar kein Weg zu sehen. Der ganze Rheinsteig eine Wiese. Wieder beginnt eine Nacht und gegen 0:30Uhr bin in Braubach. Natürlich nimmt der Weg noch die Marksburg mit und diese ist eingepackt im Nebel. Wüsste ich jetzt nicht, wo ich lang muss und hätte kein Navi, ich hätte es nicht so schnell gefunden. Denn: „Wie sie sehen, sehen sie nichts!“ In Braubach gab‘s zur Abwechslung mal keine Suppe, sondern ‘n Stück Kuchen, Tee und Kaffee. Ich ziehe die nassen kalten Stützstrümpfe wieder an, da trotz Einschneiden der Socken mit einem kleinen Taschenmesser, der Unterschenkel sehr leicht geschwollen ist. Vielleicht liegt es auch eher am Kopf und dem Dejavue. Aber so ist es besser. Hannes meinte jetzt, er kommt mit mir mit. Ääähm, ok. Gegen 1:00 Uhr brechen wir wieder auf und vor uns liegt eine kurze Etappe bis zum VP Ruppertsklamm bei Km 170. Die Zeit verging wie im Fluge und der Weg durch die Klamm auch. Der ist da immer anders, je nach Wasser, welches von oben sich seinen Weg bahnt durch die Schlucht. Springen, laufen, gehen von links nach rechts und wieder zurück und am Seil sorgen in der dunklen Nacht für Abwechslung. Leider ist das ja immer so nach 20min vorbei und wir werden mit einem Lagerfeuer und einem richtig guten Buffet erwartet. Mitten im Wald auf einer Hütte und vorher wird Petra ordentlich gedrückt, eine weitere Freundin, die hier mit dem Touristbüro Lahnstein das Ganze organisiert. Und obwohl ich mir mehr Zeit lasse, war ich noch nie so schnell hier oben an diesem VP. Keine Ahnung... läuft halt. Am Feuer ist es mir zu warm, weil Hitze habe ich seit Jahren ab und zu selber. Der Kaffee und der Imbiss tun uns gut und damit wir unterwegs nicht verhungern, sollen wir noch was einpacken... gerne doch, weil man weiß ja nie. Nächster VP Vallendar bei Km 191. Vorher wartet noch Koblenz auf uns. Hannes legt sich kaum am Rhein angekommen auf eine Bank ab. Ich laufe weiter am Rhein entlang zur Festung Ehrenbreitstein. Man, was bin ich hier damals beim ersten Mal umhergeirrt und oben auf dem Plateau erst. Jetzt gehe ich sicher meinen Weg trotz Baustellen, aber es zieht sich. Ich akzeptiere es, dass ich auch mal gefühlt ewig gehe und versuche dies schnell zu tun. Ich bin ab jetzt bis Feldkirchen in einem Bereich, wo mir der WiBoLT gezeigt hat, wer hier der Stärkere ist. Schwer ist somit der Weg nach Vallendar und die Kilometer sehr lang. Die Sonne knallt. Ich hab ein Tief. Dort versorgt mich erstmal Cathrin und geht ein Brötchen kaufen, schmiert es mir, während ich im Stuhl liege, Gemüsebrühe schlürfe und Käsestangen knappere. Zum Glück kann mein Magen alles und wenn nicht, wenn was drin ist, kann man besser kotzen. Ohne tut es weh. Hatte ich auch schon und ging dann auf den Kreislauf. Aber zum Glück bleibt alles drin. Das Brötchen ist für unterwegs und nach 30min etwa breche ich wieder auf. Alles ist wieder im Lot. Weiter. In Sayn und das ist schon lange vorher im Kopf geplant, wird ein Eis gekauft. Wie ich mich da drauf gefreut habe. Kleine Dinge werden groß unterwegs und nehmen an Bedeutung zu. Der Weg bis Rengsdorf zieht sich und dann darf man auch noch mal bergab und um den Ort herumlaufen und wieder aufsteigen. Wenn es mir nicht gut geht, beschließe ich nach 50 bis 55min je nachdem, wann ein Baumstamm oder eine Bank kommt, mich 5min hinzusetzen. Also einmal pro Stunde. Kurz sitzen, Rucksack ab, Pipipause, Waden leicht massieren, dehnen und manchmal auch Blockierungen lösen und liegen dabei... Je nachdem. Ich schaue auf mein Handy. Dieter Ladegast hat mir geschrieben. Mir laufen die Tränen runter, denn vor ca. 10Km habe ich mir gedacht, was soll der ganze Scheiß. Ich könnte doch einfach nach Hause gehen, 10000m oder Marathon laufen, dafür trainieren und wieder fliegen. Ich denke an meine Leichtathletik-Zeiten und den 36:40min über 10000m oder der 2:52h über Marathon, aber ich denke nicht wirklich ans Aufgeben. Ich mache einfach weiter. Ich kann nur nicht mehr fliegen. Ich bin gerührt über diese Nachricht. Die hat mir so sehr geholfen und das Wissen, dass doch liebe Menschen nach mir schauen und mich per Tracking verfolgen. „Halt durch, liebe Nici! Trotz dieser Sch.... hitze. Viele denken an dich und hoffen, dass du dieses Monster bewältigst.“ Immer wieder kamen mal Nachrichten und Grüße vom „JUNUT“ und von Bernd. Immer las ich sie mindestens doppelt. Ich konnte nur nicht so viel antworten, versuchte aber ein Lebenszeichen zu geben. Ich hatte jetzt so eine Nachricht gebraucht und beschließe sie immer wieder zu lesen, wenn es schwer ist. Es ist so ein unendlicher Weg in den Ort hoch und rein. Was für eine Überraschung dann als mir Stefan Lang entgegenkam. Ich war gerade mental auf 180, weil ich mich kurz verlaufen hatte. Stefan meinte nur: hast du auf dein Navi geschaut? Äääähm... nein. Na ein höherer Puls sorgt ja auch dafür, dass man wach ist. Ich Depp. Ich hab‘s vergessen. Müde halt. Diese Anspannung wird sich wohl erst legen, wenn ich Feldkirchen verlasse. Die Sonne knallt. Der Käsekuchen auch. Voll lecker und etwas kühl im VP Raum. Das tut gut. Wasser auffüllen und Iso rein in die Frau. Wir verabreden uns für den nächsten VP. Auf geht’s nach Feldkirchen. Was für ein langer Latsch. Es ist Freitagnachmittag und ich bin mehr als 50 Stunden wach. 54 als ich in Feldkirchen eintreffe. Vorher telefoniere ich noch mit Dieter L. und stelle dumme Fragen, die er mir aber in aller Ruhe beantwortet. („Dieter siehst du mich? Wo ist der Weg? Ich verstehe das nicht?! Und: Wo muss ich hin? - ach da ist er ja... sorry... so in etwa klang das) In Feldkirchen bin ich sehr konzentriert und durchgeplant. Es läuft und nach duschen, verpflastern, Rucksack rüsten, Lampen, Navi und so weiter, einen halben Radler, lege ich mich hin und schlafe sofort für 3 Stunden ein. 23:15Uhr klingelt mein Wecker und ich sehe bestimmt aus, wie eine überfahrene Schildkröte. Alles geht automatisch. Kurze Zeit später sitze bei Nudeln, trinke mein restliches Radler und noch vor Mitternacht verlasse ich den VP. Ich spüre ein leichtes Grinsen im Gesicht. Ich bin mir sicher, ich schaffe es. Als ich auf mein Handy schaue, sehe ich eine Nachricht vom JUNUT Chef Gerhard. Ich antworte beim Gehen. Und auch Bernd war jetzt am Rheinsteig gelandet und stand in Arienheller... irgendwo. Die Nacht wird lang, klar und dunkel. Ich habe immer mal wieder Verlaufer drin. Nicht viel, aber nervig. Dennoch bin ich innerlich ruhig. Nächster VP Arienheller. Irgendwie hatte ich im Kopf aber Rheinbrohl, einen Ort davor auf dem Schirm. Das entpuppte sich als wahre Geduldsprobe. In Arienheller war es leider noch nicht hell, darum konnte ich das Auto von Bernd nicht sehen. Der VP war ein Unbemannter. Eine Bank mit viel Essen und Trinken. Der Pfeil auf dem Boden lud direkt zur Drehung ein und einem weiter. Ich hätte so gerne einen heißen Tee gehabt. Hatte es mir stundenlang so vorgestellt. Ok. Is nicht. Geduld! Weil geht ja auch ohne. Aber wo war Bernd? Ich rief ihn an, da war ich schon etwa wieder einen knappen Kilometer weiter. Ich dachte er kommt noch. Wieder war ich auf 180, denke, ich hab‘ was falsch gemacht, während er verschlafen gerade wohl nicht wusste, wo oben und unten ist und gar nicht wirklich antworten konnte. Der Morgen kam schnell. Ich war im Tritt und ich war noch nie so weit wie jetzt. Auf nach Linz. Ich freute mich auf Karen und Thorsten. Dort angekommen, reanimierte mich die Suppe und wie ich da so die letzten Löffel mit halben Brötchen verdrückt hatte, kommt doch der Klaus angewackelt. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Km 275. Karen und Thorsten noch mal gedrückt. Jetzt kommt das Siebengebirge. Bis Rhöndorf zieht es sich. Ich stecke mir das erste Mal meinen MP 3 Player in die Ohren und suche was jetzt Passendes und wo mir nach ist. Ich höre und singe laut „Pur“ mit. Abenteuerland, Lena, Prinzessin... lange nicht gehört. Es gefällt mir jetzt und ich haue schwungvoll die Stöcke in den Weg. Die Erpeler Ley verwirrt mich etwas. Die Aussicht nicht. Die ist wie so oft einfach geil. Es wird wieder heiß und die Anstiege nehmen oft kein Ende. Ich fluche staunend vor mich her. „Das kann doch nicht sein! Hinter dieser Kurve muss ich doch oben sein... schade doch noch nicht...“. Ey man, ich kann gleich nicht mehr, echt jetzt. Weiter geht es nach Rhöndorf. Das ist so was von brutal. Ich frage Dieter per SMS, ob Beine eigentlich platzen können, weil ich mich frage, wie weit ich so gehen kann und was mit mir passiert. Er meinte aber, dass wenn dann seine und nicht meine platzen, wegen der Dicke. Aber ich weiß ja nicht. Meine Unterschenkel sind gefühlt auch doppelt so dick. Ich wundere mich, dass ich sie noch anheben kann. In Rhöndorf laufe ich fast Bernd um. Na endlich isser da! Ich beschäftige ihn gleich mal mit Wasser auffüllen und gehe in den kühlen Raum. Irgendwas ohne Umdrehungen bitte und ein Stück Melone geht rein. Mal kurz sitzen und dann kam der Moment, der Moment, wo ich den letzten VP vor Bonn verlasse. Und es wird sich noch ziehen. Oben am Drachenfels verlaufe ich mich, nachdem ich die Aussicht... ey booooh geil, aber leider war ich nachmittags da und gefühlt 1000 Menschen auch. Der Weg bergab war gesperrt und ich irrte dreimal müde zur Burgruine rauf und rum, starrte auf mein Navi, den Zettel und hab das nicht verstanden. Ich war verzweifelt. Menschenmassen liefen mich um und rempelten. Ich wollte jetzt bitte in den Wald zurück und alleine sein. Jetzt! In der größten Verzweiflung sah ich doch den Weg, lief runter und verlief mich dort noch mal... shit. Ich verstehe es nicht mehr so ganz. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Es ist heiß und ich träume von einem Eis. Bald hab‘ ich es wieder und es geht noch über den Petersberg. Ich brauche alle 30min für 3min ‘ne Pause. Das tut gut. Ich bin breit. Fertig. Auf einmal öffnet sich der Wald und ich sehe Bonn. Mir kommen die Tränen. Da vorne. Da!!! Ist es wirklich gleich vorbei? Ich will nicht, dass es vorbei ist! Ich quere eine Straße und sehe rechts ein Ortsschild. Bonn ist durchgestrichen. Alles verschwimmt. Es dauert noch. Menschen, die mir entgegen kommen, sehen seit Stunden gleich aus und Wege auch. Ich bin müde im Kopf. Und will nur noch absteigen. Was für eine Erlösung als ich das endlich kann! Eine Siedlung, die Telekom und aaaah Hilfe Menschen... ein Park. Ich wurschtel mich durch bis ich am Rhein bin, der leise rauscht wie ein Meer. So geradeaus. Lange geradeaus bis zur Kennedybrücke. Wie oft habe ich davon geträumt. Dann geht es da drüber, noch etwas auf der anderen Seite entlang und durch die Menschenmassen auf den Marktplatz. Ich bin da!!! Ich falle Michael entgegen, der mich begrüßt mit: „Endlich!“... Meine Zeit weiß ich immer noch nicht, aber ich hätte ab Feldkirchen mit etwa Mitternacht gerechnet. Es ist etwa 19:20Uhr und es ist Samstag! Ich hänge im Stuhl, bekomme ein schokoladiges Schokoladeneis von Bernd, ein Weizen und darf sitzen bleiben. 73 Stunden und etwa 20 Minuten hat die Reise von Wiesbaden nach Bonn gedauert. Ich begreife es nicht so ganz. Auch heute noch nicht. Ich bin noch am Rhein... Gefangen auf dem Weg... vielleicht für immer... stolz... groß und klein gleichzeitig... immer noch mit Demut und Abenteuerlust... draußen unterwegs... es war ‘ne geile Zeit.

DANKESCHÖN für die bekloppte Idee, da lang zu Laufen. Danke für den WiBoLT... und HERZLICHEN DANK an Margot, Gerhard, Dieter, Stefan und seine Mädels, Michael Eßer mit Team, Eva und Petra, Karen und Thorsten, allen Helfern an den VPs und Mitfieberern, Möglichmachern und vor allen Bernd, der extra für mich hochkam nach Bonn, um mich abzuholen und im Ziel zu sein. DANKE fürs Lesen und Allen die sich irgendwie gemeldet haben, um mir zu gratulieren.

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Ende.... Foto Bernd Mirbach

Text: Nicole Kresse, 10.07.2019

Bhutan, Etappenlauf, 6 Etappen, 200 km, +10.000 Hm, 26.-31.05.2019

Schon seit 5 Jahren hatte ich diesen Lauf auf meiner „wünsch-dir-was“ Liste. Leider standen dem immer berufliche Termine entgegen. Dieses Jahr passte es endlich und ich habe es nicht bereut!

Bhutan, das ist schon ein exotisches Ziel, besonders für einen Ultralauf. Das kleine buddhistischen Königreich liegt im Himalaja abgeschieden in bis zu 2500 Meter hohen Bergtälern zwischen Indien und China. Noch vor 60 Jahren war Bhutan eine verborgene Welt, zwischen dampfendem Dschungel im Süden und eisgekrönten Felszacken im Norden. Das letzte Königreich im Himalaja entzog sich erfolgreich den Errungenschaften der Moderne. Es gab Bergpfade, aber keine Straßen, um Handel mit anderen Ländern zu treiben. 1960 wurde die erste Straße von Indien nach Bhutan gebaut. 1982 wurde der Flughafen gebaut, 1999 bekam Bhutan Fernsehen – als letzter Staat der Erde.

 

Freitag 24.05.2019, Ankunft in Bhutan, Briefing und Race-Check’s

Schon die Anreise gestaltet sich nicht ganz einfach. Ich habe mich für die Anreise über Indien (Neu-Delhi) anstatt Nepal (Kathmandu) entschieden. Weil beide Flughäfen dafür bekannt sind, dass das aufgegebene Gepäck verschwindet oder erst viel später ankommt, hatte ich alles für den Lauf Wichtige am Körper und im Handgepäck. Aber es ging alles gut. Auf dem Flug von Indien nach Bhutan hatten wir einen atemberaubenden Blick auf den Mount Everest. Einfach spektakulär! Die Landung auf dem Flughafen Paro (einem der gefährlichsten Flughäfen der Welt) war „spannend“! Der Flughafen liegt auf einer Höhe von 2300 Metern über dem Meeresspiegel. Sehr nah vorbei an schrägen Felswänden des Himalaja-Gebirges und Wohnhäusern „kitzelte“ es die Nerven schon eine wenig! Start und Landung auf dem 1981 Meter langen Rollfeld gelten als besonders schwierig und deshalb dürfen hier nur acht speziell ausgebildete Piloten landen.

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Gemeinsam mit 15 anderen Läuferinnen und Läufern, die über Neu-Delhi angereist waren, wurde ich am Ausgang des kleinen Flughafengebäudes bereits erwartet. Mit einem Kleinbus wurden wir in einer ca. einstündigen Fahrt nach Thimphu der Hauptstadt von Bhutan in unser Start-Hotel gefahren. Um uns herum die majestätischen Berge des Himalajas! Ein erstes Gänsehautfeeling!

Hier fand die Akkreditierung, der Ausrüstungscheck sowie bei einem gemeinsamen Abendessen ein erstes Briefing statt. Schön war natürlich, einige Bekannte von anderen Läufen wieder zu sehen! Es gab viel zu erzählen.

 

Samstag 25.05.2019   Transfer ins erste Camp

Nach dem Frühstück ging es dann mit einigen Zwischenstopps Richtung Camp Nr. 1.

Über Serpentinen ging es mit den Bussen permanent zunächst hinauf und dann wieder hinab! So langsam konnte man ahnen, was in den nächsten Tagen läuferisch auf uns zukommen würde.
Ein erster Stopp war am Dorchula-Pass zwischen Thimphu und Punakha dem mit 3100 m höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt. Der Pass wird geschmückt von kleinen Tempeln. Die 108 Stupas (Tempelhäuschen) wurden zum Andenken an die 108 in einem Kampf gegen indische Rebellen gefallenen Soldaten gebaut. Bei schönem Wetter hätte man von hier aus einen 360 Grad Blick auf den Himalaja! Leider lagen die Gipfel in den Wolken. Wieder ging es nun bergab bis zu einem kleinen Dorf, in dem wir auch zu Mittag aßen. Dieses war der Pilgerort für Paare mit Kinderwunsch, da sich hier Fruchtbarkeitstempel Bhutans befindet. Alles war mit Phallussymbolen, die als Figuren aufgehängt oder meterhoch an die Hauswände gemalt sind, geschmückt. Was für uns sehr skurril anmutet, ist für Bhutanesen nicht anstößig, sondern ein gutes Zeichen für Glück und Fruchtbarkeit. Weiter ging es dann zur Punakha Klosterfestung, dass größte und wohl eins der schönsten Kloster Bhutans.

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Hier war auch der Start der ersten Etappe! Nach der Besichtigung der Klosteranlage war es dann nur noch eine kurze Fahrt ins erste Lager. Die Zelte waren schon für uns aufgebaut und auch unser bhutanisches Versorgungs- und Beratungsteam hatte die Feldküche schon eingerichtet. Das bedarf vielleicht einer kurzen Erläuterung:

Es ist nicht erlaubt, auf eigene Faust durch Bhutan zu reisen. „Jeder Tourist benötigt ein Visum und das erhält er nur, wenn die Reise von einem registrierten bhutanischen Reiseunternehmen organisiert wird. Mindestens 250 US-Dollar sind pro Tag und Person zu kalkulieren. In diesem Tarif sind alle Basisleistungen wie Übernachtung, Essen, Transport, Reiseführer sowie Chauffeur inbegriffen.“
Unserem Veranstalter Global Limits ist es gelungen, dieses entsprechend umzuorganisieren und für unseren Etappenlauf anzupassen. Um 18 Uhr gab es das erste, in der Feldküche zubereitete, Essen. Danach erfolgte das Briefing. Greifbar war natürlich auch die „Nervosität“ vor Rennbeginn. Überall wurde gepackt, geräumt und wieder ausgepackt. 

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Sonntag 26.05.2019 Etappe 1, ca.31km

Schon recht früh war „Leben“ im Camp. Jeder konnte ein Gepäckstück mit einem max. Gewicht von 10 kg. abgeben. Dieses wurde dann für uns von Camp zu Camp transportiert. Beim Lauf mussten wir also nur die Pflichtausrüstung, sowie die individuelle Nahrung (Gels, Riegel, etc.) und Wasser mitnehmen.
Um halb acht wurden wir dann die kurze Strecke zur Punakha Klosterfestung gefahren.
Hier wurden wir schon von gefühlten „Hunderten“ Schülern, sowie einer Vielzahl anderer Zuschauer erwartet. Nach dem üblichen Fotoshooting wurden wir und unser Lauf noch vom Lama, dem obersten Mönch des Klosters, gesegnet. Die Schüler sangen die bhutanische Nationalhymne.
Dann erfolgte endlich der Start! Durch ein Spalier aus jubelnden Schülern ging es los auf die erste Etappe. Das Abenteuer mitten im Himalaja begann!04 bhutan4

Die Strecke verlief die ersten 20 km recht flach entlang an Flüssen, in denen auch die Klosterfestung lag. Zunächst flussabwärts und dann flussaufwärts in einem großen Bogen zurück zum Kloster. Der Weg dorthin führte uns das erste Mal über eine Hängebrücke. Sehr lang (ca. 150m) und sehr schmal. 20 m bis 30 m unter uns der reißende Fluss! Schwindelfrei sollte man schon sein! Es sollte nicht die letzte Hängebrücke in dieser Woche sein. 

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Weiter ging es dann durch die königlichen Gärten. Eine sehr schöne und gepflegte Landschaft.

Die letzte 10 Kilometer führten uns da stetig bergauf bis zu unserem nächsten Camp. Mittlerweile war es sehr heiß geworden und der Aufstieg wurde zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Außerdem machte sich die fehlende Akklimatisierung für die Höhe bemerkbar. Also, „einen Gang runterschalten“ und langsam voran!

Für das heutige Camp waren unsere Zelte mitten im Innenhof eins Klosters aufgebaut.

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Die Begrüßung durch die jungen Mönche war sehr herzlich. Zu meiner Freude gab es im Ziel eine kleine Flasche Cola für jeden!

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Wir wurden dazu eingeladen an dem Abendgebet der Mönche teilzunehmen. Dieses ist normalerweise in buddhistischen Klöstern nicht üblich. Ich nahm wie die meisten die Einladung gerne an, war dieses doch eine sehr gute Gelegenheit die Kultur sehr nahe zu erleben. Leider begann es am Abend dann an zu regnen. Keine gute Aussicht für die Morgen anstehende Regenwaldpassage bis hinauf auf 3500 m.

 

Montag 27.05.2019 Etappe 2, 29km 

Bereits gestern beim Briefing auf die Tücken der heutigen Etappe hingewiesen, feuchter Regenwald und Blutegel! Es wurden morgens kleine Stoffbällchen mit einer Mischung auch Tabak und Kräutern verteilt. Ein einheimisches Mittel, welches gut gegen die Blutegel sein soll, wenn man sich die unbekleideten Körperstellen und die Fußgelenke damit einreibt. Es sollte sich als gut erweisen, dass ich zusätzlich noch DEET50 (ein chemisches Mittel) benutzt habe, welches sich auch schon beim JungleUltra bewährt hat.

Da es in der Nacht stark geregnet hatte, wartete nun der feuchte Regenwald auf uns. Nach einem kurzen Abschnitt durch Reisfelder ging es dann, nach dem Überqueren einer Hängebrücke, hinein in den Wald und hinauf zum Pass auf 3500 m Höhe. Mehr als 4 Stunden ging es nun, teilweise auf allen vieren, permanent bergauf. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die zunehmende Höhe machten es nicht einfacher. Eine schweißtreibende sehr anstrengende Angelegenheit, aber die faszinierenden Trails und die tolle, teilweise schon mystisch zu nennende Landschaft machten das alles mehr als wett!
Einfach wunderbar, hier an diesem Ort sein zu dürfen!

Ich war dann aber doch froh, endlich den Bergpass auf ca. 3500 m Höhe zu erreichen. Hier war ein Verpflegungspunkt eingerichtet. Wegen der Unzugänglichkeit des Ortes ist das Wasser bereits gestern unseren einheimischen Begleitern zu Fuß hier hochgebracht worden.

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Da es just anfängt zu hageln, verkürze ich meine Verschnaufpause auf ein Minimum und mache mich langsam trabend auf den Weg, ab jetzt permanent bergab. 

Irgendwann stand dann mitten auf dem Trail eine Kuh! Nichts Gefährliches, aber ich musste ja irgendwie um die Kuh herum. Das hat mich dann aber so beschäftigt, dass ich übersehen habe, dass ich eigentlich hätte abbiegen müssen! Zwei Kilometer Umweg, bergab und dann wieder bergauf. Ärgerlich, aber andererseits auch mehr Strecke fürs selbe Geld!

Nach 7:31h erreiche ich das Ziel. Heute übernachten wir in einem großen, mehrstöckigen Bauernhaus. Hier besteht auch die Möglichkeit sich, wenn auch kalt, zu waschen! Viele der anderen haben heute intensiven Kontakt mit den Blutegeln gehabt. Keine wirklich schöne Sache, weil die Stellen nachbluten, wenn man die Egel abmacht. Ich hatte zwar auch einige Saugstellen von den Viechern, aber der Geschmack von meinem DEET50 hat dafür gesorgt, dass sie sich wieder haben abfallen lassen.
In der Nachbarschaft gab es einige kleine Geschäfte, in denen es auch Cola und Bier zu kaufen gab!
Ein angenehmes Vergnügen nach so einer Etappe! Nach dem Briefing kehrte dann recht schnell Ruhe ein.

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Dienstag 28.05.2019 Etappe 3 (28 km 1800 hm)

Nach dem Start verlief der erste Teil der Strecke recht flach. Später waren unter uns im Tal die Häuser und auch der Königspalast der Hauptstadt Thimphu zu sehen. Die Berghänge waren mit den für Buddhismus typischen Fahnen und bunten Wimpeln geschmückt. Vorbei ging es an Gebetsmühlen und keinen Tempeln. 

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 Alles noch recht beschaulich. Dann kam der Wechsel, auf schmale, steile single Trails. Es wurde zunehmen mühsam! Das erste Zwischenziel war ein Kloster auf 2800 m. Hier endeten auch alle breiteren Wege / Straßen. Von hier bis zu unserem heutigen Tagesziel dem Phajoding Kloster geht es nur noch zu Fuß weiter. Auch unsere Taschen und alles andere wurde heute von Trägern hoch ins Kloster auf 3600 m getragen. Der schmale Weg war sehr anstrengend zu gehen, an laufen war für mich überhaupt nicht zu denken! Für die 6 km brauchte ich dann auch zwei Stunden! Der steile Weg und die Höhe zerrten gewaltig! Außerdem wurde es zunehmend kühler. Oben im Kloster werden wir alle schon sehnsüchtig von den jungen Mönchen erwartet. Dazu gleich Näheres. Ich bin froh, endlich oben zu sein, und gehe erst mal in unseren heutigen Gemeinschaftsraum. Hier verströmt ein Kanonenofen mollige Wärme und es gib was zu essen! Übernachtet wird heute, teilweise gemeinsam mit Mönchen, in deren kleinen Schlafräumen. Ich teile mir mit zwei andern Läufern einen Raum. Die für unsereins ungewohnte Einfachheit und die Umstände, unter denen hier auf einer Höhe von 3600 m gelebt wird, stimmt nicht nur mich nachdenklich!

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Aber wir sehen bei den erwachsenen Mönchen nur ruhige, ausgeglichene Gesichter! Die Kinder spielen glücklich und zufrieden miteinander und warten natürlich neugierig auf jeden ankommenden Läufer.

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Der größte Wunsch der jungen Mönche ist es, ein kurzes Fußballspiel gegen die Läufer und das Organisationsteam auszutragen. Der Lama des Klosters hat dieses erlaubt und somit wird der Wunsch von uns gerne erfüllt. Ein Tolles aber auch sehr anstrengendes Erlebnis, immerhin befinden wir uns im Himalaja auf einer Höhe von 3600 m. Da ich schon seit mindesten vierzig Jahren kein Fußball mehr gespielt habe, haut es mich natürlich prompt hin! Nichts Schlimmes, und beim Flicken der Hose habe ich viele kleine Zuschauer. Das 30-minütige Spiel endet dann 4:4 und alle sind zufrieden.

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Dann wird gegessen und das Briefing für den nächsten Tag erfolgt. Es wird schnell kalt und alle sind froh, warme Schlafsäcke dabei zu haben, die hier ober absolut erforderlich sind.

 

Mittwoch 29.05.2019 Etappe 4, 38 km

Nach einer kalten Nacht werden wir heute Morgen werden wir von der Sonne begrüßt!
Nach dem Start geht es zunächst für 1,5 km weiter bergauf. 

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Dann gibt es einen über 10 Kilometer langen Downhill, teilweise ohne jeden Pfad, durch die Wälder hinab ins nächste Tal. Einfach großartige Trails. Dem Tal folgen wir für die nächsten 8 km. Die Landschaft ist hier idyllisch, wir überqueren einige kleine Flüsse. Dann geht es wieder hinauf bis auf 3600 Meter zum nächsten zu überquerendem Pass. 8 km schmale Pfade und zwischendurch immer wieder tolle Ausblicke in die uns umgebende großartige Berglandschaft. Nach knapp fünfdreiviertel Stunden erreiche ich den Pass, auf dem ein kleines Kloster thront. Zwei Mönche sitzen hier und schnitzen Holzfiguren. Ich bin froh, dass es nun bergab geht bis ins Ziel. Aber die letzten 11 km ziehen sich dann doch noch sehr. Auf die schmalen steilen Pfade im Wald folgen schattenfreie Schotterwege und später Straßen hinab in Tal von Paro, wo auch der einzige Flughafen Bhutans liegt. Die steigende Temperatur und die stechende Sonne setzen einem ganz schön zu. Ich bin heilfroh, nach fast acht Stunden, endlich das Ziel zu erreichen. Zum Glück gibt es wieder Cola im Ziel. Eine wirkliche Wohltat!

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Die heutige Übernachtung ist wieder in einem mehrstöckigen Bauern / Wohnhaus. Hier ist man schon ein wenig auf Tourismus eingerichtet. Mir wird gesagt, dass wir hier die Möglichkeit haben, ein warmes Bad zu nehmen. Eine großartige Mitteilung, fand ich! Also schnell Quartier beziehen, Badehose an und ab Richtung Badehaus. Ich betrat einen Raum mit drei Badewannen. Kaum drinnen begann die dort wartenden Frau damit mich mit Wasser zu übergießen und mir Kopf, Rücken und Beine zu waschen! Von jemanden gewaschen zu werden, darauf war ich nun überhaupt nicht eingestellt und ihr könnt euch meine Überraschung sicher vorstellen! Gesäubert durfte ich dann in einen der drei Badewanne steigen. Ein wahnsinniges Gefühl, und so entspannend!

Kurz darauf kam eine Läuferin, auch um ein Bad zu nehmen. Die wurde genauso „überfallen“ bzw. mit waschen überrascht! Wir haben beide herzhaft gelacht! Später haben wir noch den 40zigsten Geburtstag eines Läufers mit einem Bier gefeiert. Dann ging es früh auf die Matratze, da am nächsten Tag die lange Etappe anstand. 

 

Donnerstag 30.05.2019 Etappe 5, 54 km 

Der Tag begann sehr früh, da der Start schon um 6 Uhr erfolgen sollte. Schmecke die erste Tasse Kaffee zwar noch gut, bekam ich jedoch leider beim Essen des Frühstücks ein merkwürdiges Gefühl im Magen.
Ich hab dann nicht weitergegessen und gedacht, „schauen wir mal, was der Tag so bringt“.
Der Start erfolgte pünktlich, die lange Etappe begann.

Leider blieb die Übelkeit in meinem Magen. Mir war klar, dass ich die Strecke ohne Nahrungsaufnahme nicht schaffen würde. Nach fünf langen Kilometern hab ich mich dann gezwungen, meinen Magen zu entleeren. Dadurch verschwand langsam die Übelkeit. Feste Nahrung (Riegel oder Gels) zu essen hab ich mich aber noch nicht getraut. Ich wusste ja, dass wir heute den Flughafen fast umrunden müssen, und hoffe auf die Möglichkeit mir Cola kaufen zu können. Also langsam weiter und hoffen! Nach ca. 20 Kilometern dann endlich ein Geschäft. Hier hab dann vier kleine Flaschen Cola gekauft und begonnen langsam zu trinken. Trink ich sonst nie Cola, ist sie bei Läufen schon immer mein liebstes Getränk, welches ich auch sehr gut vertrage.

Ich merkte, wie es mir allmählich besser ging und auch Energie zurückkam. Nach 35 km war das Tal mit dem Flughafen umrundet und ging links in ein anderes weites Tal hinein vorbei an Paro. Mein Magen hatte sich wieder beruhigt und ich war zum Glück auch wieder in der Lage feste Nahrung aufzunehmen. 

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Die nächsten Kilometer ging es an einem Fluss entlang. Eigentlich ideal zum Rennen oder Traben, aber dazu fehlte mir heute die Kraft. Es zog sich, aber ein Ultralauf ist nun mal lang und braucht Strecke.

Die letzten 10 Kilometer ging es dann langsam aber stetig bergauf. Die Strecke führte jetzt abwechslungsreich an, durch und über kleine Bäche und immer wieder über die schmalen Pfade der weitläufigen Reisfelder. Weit oben in den Bergen konnte man zwischen Wolkenfetzen ab und zu einen Blick erhaschen auf das finale Ziel unseres Etappenlaufes. Morgen sollte es dort hinauf gegen!17 bhutanH

Dann kam auch endlich unser heutiges Ziel in Sicht, der Ort „Drukgyel Dzong“ mit seiner Festung.

Hinein ins kleine Dorf und am Camp vorbei galt es noch einen letzten steilen Pfad hinauf zur Festung zu erklimmen! Dann, endlich im Ziel! 10 Stunden hab ich für die 54 Kilometer gebraucht und ich war froh, trotz Magen Problemen geschafft zu haben. 18 bhutanI

Das Camp mit dem Gemeinschaftszelt zum Essen war auf dem Dorfplatz aufgebaut. Wir selbst waren für die Nacht auf einige Häuser im Dorf verteilt. Untergebracht, gemeinsam mit drei anderen Läufern und einem 90 bis 100 Jahre altem Mann im ersten Stock eines Bauernhauses. Alle waren sehr freundlich und nett.

 

Freitag 31.05.2019 Etappe 6, 15 km

Wie gestern erfolge auch heute ein „Split“ Start. Die langsamen starten bereits um 5:30 Uhr.

Die beiden anderen Gruppen dann jeweils 30 Minuten später. Ich startete in der mittleren Gruppe.
Die ersten 11 Kilometer waren relativ flach. Es ging entlang eines Flusses und wieder über die schmalen Pfade von Reisfeldern und Bewässerungskanälen.

Dann kam endlich das ersehnte Ziel in Sicht! Das Kloster „Taktshang Goemba“, im Rest der Welt „Tiger’s Nest“ genannt. Das Wahrzeichen Bhutans hoch über uns, schien wie ein Schwalbennest an die Steilwand der Berge geklebt zu sein.

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Was für ein Anblick. Aber gleichzeitig auch die Frage: „Oh mein Gott, wie soll man dort hinaufkommen?“ Es geht! Aber sehr mühsam, sehr kräftezehrend und natürlich schweißtreibend!

Knapp 4 Kilometer mit ca. 800 Höhenmetern trennen uns nun noch vom Ziel. Also, auf geht’s, wir werden schließlich oben erwartet. Ein schier endloser Aufstieg beginnt. Immer wieder kommt unser Ziel in Sicht. Irgendwann befinde ich mich auf gleicher Höhe und dann sogar ein wenig über dem Tiger-Nest! Aber noch immer auf der dem Kloster gegenüberliegenden Seite. Alles ist zum Greifen nahe. Ich kann sogar schon den winzigen Platz in dem Kloster sehen, wo der Zieleinlauf ist. Dann sehe ich auch den Weg, der dort hinführt. Hunderte von Treppenstufen, die in den steilen Fels gehauen wurden. Zunächst wieder bergab, dann wieder bergauf bis zum ersehnten Ziel. Adrenalin strömt in den Körper und die letzte paar Hundert Stufen nehme ich nicht mehr wirklich wahr. Das Ziel ist endlich erreicht. Applaus, Glückwünsche, Umarmungen! Ich hab Tränen in den Augen. Freude und Erleichterung überfluten mich. Und ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Alle strahlen, sind begeistert und glücklich.
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Nachdem alle Läufer im Ziel sind, haben wir noch die Möglichkeit an einer geführten Besichtigung des Klosters teilzunehmen. Die Führung war interessant und empfehlenswert. Später ging es dann wieder runter ins Tal, natürlich zu Fuß. Niemand meckerte, und alle schwatzen fröhlich miteinander.

Unten warteten zwei Busse, die uns dann in unser Hotel fuhren. Welch ein krasser Gegensatz zu dem vergangenen Tagen. Ich hab dann erst einmal ein ausgiebiges Bad genossen. Luxus pur!

 

Siegerehrung

Vor der Siegerehrung und dem anschließenden Essen gab es noch kulturelle Vorführungen und Volkstänze.

Von jungen Männern und Frauen wurden Tänze und Gesänge dargeboten, die die verschiedenen Regionen Bhutans repräsentierten. Es war sehr schön.

Dann erfolgte die Siegerehrung. Mit einer Gesamtzeit von 38:33h habe ich Platz 19 von 28 Finishern, bei 31 Startern erreicht. Statt einer Medaille gab es eine kleine Gebetsmühle, eine sehr schöne Idee, die Bhutan sicher in meiner Erinnerung halten wird.

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Mir wurde dann, gemeinsam mit drei weiteren Läufern, noch eine weitere Ehrung zuteil:

„Global Limits Heritage Side Runner“

Einen Preis, bekommt, wer bestimmte Läufe finisht, deren Ziel in einem Weltkulturerbe liegt.

 

Bei mir waren das:

  • Cambodia - The Ancient Khmer Path, 220km
  • Sri Lanka - The Wild Elephant, 210km
  • Albania - The Hidden Treasure, 220km
  • Bhutan - The Last Secret , 200km

Der Veranstalter Stefan Betzelt überreichte mir eine personalisierte gravierte gläserne Trophäe.

Ein großartiges Geschenk.

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Das anschließende Büfett war sehr lecker. Mit dem ein oder andern „Kaltgetränk“ lassen wir den Abend dann gesittet ausklingen.

Tags drauf ging es dann recht früh zurück Richtung Heimat.

Eine wunderbare Woche, die ich nie vergessen werde, neigte sich dem Ende.

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Schlusswort
Bhutan ist ein faszinierendes Land, mit freundlichen, netten und aufgeschlossenen Menschen, das es zu bereisen lohnt. (Nicht nur wenn man Ultras laufen möchte)

Noch wird hier viel dafür getan Zustände wie in Nepal zu verhindern und eine andere Richtung im Tourismus einzuschlagen. Ich hoffe, dass das gelingt!


Mein Dank gilt auch dem Veranstalter Global-Limits, Stefan Betzelt und seiner Crew.
Das war jetzt mein sechster Lauf mit Global-Limits. Wie immer war alles sehr gut organisiert und die Strecken perfekt markiert. Ich habe mich auch bei diesem Lauf zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.
Ich kann auch diesen Lauf uneingeschränkt empfehlen.

Wer Fragen zu diesem oder einem die anderen Läufe hat, kann mich gerne kontaktieren.

 

Text und Bilder: Dietmar Rosenau 08.07.2019

Beim 6-Tagelauf in Ungarn erzielte Edda Bauer in der Altersklasse W75 mit 511,645 km einen neuen Deutschen Rekord und erhält in Anerkennung dieser tollen Leistung die LGU-Leistungsmedaille in Silber. Seit diesem Jahr werden Vereinsmitglieder, die einen Deutschen Rekord oder Weltrekord laufen mit der Leistungsmedaille in Silber, bzw. Gold geehrt.

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Die Präsidiumsmitglieder Evi Piehlmeier und Michael Irrgang überreichten Edda im Rahmen des 24h-Laufes in Delmenhorst Ende Juni die entsprechende Urkunde und Medaille. Auch wurde sie auf unserer Homepage in die Liste der „Ausgezeichneten Athleten“ aufgenommen.

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Der 6-TAgelauf am Balaton ist unter Insidern sehr beliebt und es gibt eine Stammkundschaft, die sich jährlich dort trifft, um in 144 Stunden möglichst viele Kilometer zu sammeln. Dieses Jahr hatten wir gleich 5 Vereinsmitglieder dabei.

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Carsten Bölke, Norbert Künkel und Alexander Lauterbach vergnügten sich, wobei die Kleidung schon andeutet, dass es vom ersten Tag abgesehen, eigentlich durchgängig mehr oder wenig stark regnete.

Marlene Helene Heller komplettierte das Team, welches durchweg sehr gute Ergebnisse erzielte. Hatten viele aufgrund der Nässe mit Blasen und der Motivation zu tun, so schien es Edda kaum zu stören, denn sie war täglich 18 bis 20 Stunden auf der Strecke und ging und lief kontinuierlich auf der ca 1 km langen Runde.

Ihr erster Eintrag in der DUV-Statistik ist von 2011. Damals war sie bereits 66 Jahre alt. Danach wurden die Wettkampfstrecken länger und ausgefallener. So lief sie auf fast allen Kontinenten Ultras, Mehrtagesläufe und viele 24h-, 48h- und 6-Tagesläufe. In ihrer Altersklasse ist hat sie Weltklasseformat und an Motivation fehlt es ihr wahrlich nicht. So lief sie, kaum zurückgekommen aus Ungarn bereits ein paar Tage später beim 24h-Lauf in Basel mit.

Edda ist mit ihrer Beharrlichkeit, Robustheit und Freundlichkeit eine tolle Sportlerin und uns allen ein großartiges Vorbild.

Text, Michael Irrgang, Bilder: Michael Irrgang, Ferenc Kincses und Alexander Lauterbach, 05.07.2019

 

 

In der 2. Nacht mit Sabine un Stefan

Zum WiBoLT 2019 konnte ich mich aus beruflichen Gründen erst kurzfristig entscheiden. Auf den Start in Wiesbaden freute ich mich sehr, da wieder viele alte Bekannte auf der Teilnehmerliste standen und Michael Esser und sein Team wieder zu sehen. 2014, 2015 und 2016 durfte ich jeweils in Bonn eine Finisher Weste überziehen. Mein Wunsch für den 4. Start war, endlich einmal nicht durch die 4 Nacht laufen zu müssen. Mit diesem Wunsch im Gepäck, wurde es einer meiner schönsten und schnellsten Ultraläufe. Meine pers. Bestzeit wurde um runde 8 Stunden verbessert. Dieses Jahr ging ich als Laufältester an den Start. Mit Hannes bis zur Loreley und mit Stefan ab Oberkestert fanden sich tolle Laufpartner. Stefan musste ich ab Loreley ziehen lassen und mich im Feld ca. 2-3 Stunden zurückfallen lassen, um eine aufkommende Krise zu kompensieren.  Also eine Stunde Rast an der Loreley und dann 1Std Rast +2 Std. Schlafen in Uschi's Wanderstation. Stefan lief danach sogar noch auf den 3. Platz. Kaum aus Uschi's Wanderstation raus, traf ich auf Sabine und etwas später auf Stefan. Wir entwickelten uns zum Team und liefen gemeinsam nach Braubach. Sabine musste sich danach leider etwas zurückfallen lassen. Stefan und ich liefen dann bis zu Ziel gemeinsam. Immer wieder konnten wir uns gegenseitig helfen. Schön war, daß wir uns in den Pausen nicht unter Zeitdruck setzten und wir uns, so gut es ging, mehr auf's flüssige Laufen konzentrierten. Insbesondere die Passagen von Linz bis tief ins Siebengebirge und dann die letzten ca. 20 km vor Bonn waren wir recht flott unterwegs, zuletzt mit dem Ziel, noch am Samstag zu finishen. Mit Erfolg.

Vielen Dank an Michael Esser und sein großes Team!

Sehr Interessant: Michael will nächstes Jahr seinen Traum verwirklichen und mit dem WiBoLT Team den kompletten Rhein(steig) in Etappen von der Schweiz bis zur Nordsee laufen. Deswegen wird der klassische WiBoLT 2020 von Wiesbaden bis Bonn in den Etappenlauf eingegliedert.

Stefan und ich im Ziel

Text und Bilder von Michael Vorwerk 03.07.2019

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