Bericht und Bilder von Matthias Kröling
Flaches Land, weiter Horizont – 100 Meilen beim Kleeblattultra in Schwarme
Vor acht Jahren startete ich das erste (und bisher einzige Mal) beim Mauerweglauf in Berlin. Die ersten paar Kilometer bin ich damals mit Christian Mohr gelaufen – bis zur ersten VP, dann war er weg. Gesehen habe ich ihn erst hinterher wieder bei der Siegerehrung. Seine Zeit betrug 19:14 h – ich selbst kam ins Ziel mit nach 21:38 h. Beeindruckt war ich nicht nur von Christians Zeit, sondern auch von seiner norddeutschen Tiefenentspannung, die keinerlei Raum für Selbstinszenierung ließ. Seit jenem August 2018 denke ich daran, dass ich es doch auch einmal schaffen könnte/sollte/müsste mit der sub20 bei einem Hundertmeiler.
Jahre und Läufe kommen und gehen. Prioritäten verschieben sich, Verletzungen ereilen mich. Auch das Jahr 2026 startet läuferisch enttäuschend. Noch vor Weihnachten `25 knicke ich mit dem rechten Sprunggelenk um und starte in das Jahr mit einer Sportpause. Nachdem ich mich bis zum Frühlingsanfang wieder einigermaßen erholt habe, knicke ich Ende März erneut um – beim Aufsteigen aufs Fahrrad, das muss man erstmal schaffen. Ich kann dann zwar drei Wochen später bei Oli Witzkes Neuauflage des Hexenstiegs 100km bewältigen, aber knicke ich Ende April binnen drei Tagen wieder zweimal um.
Zwar habe ich keine schlimmen Bänderverletzungen, aber nicht zu ignorierende Traumata im Bereich des Knöchels. Jetzt reicht’s. Das ist kein Zufall mehr. Ab sofort heißt die Priorität beim Sport: Alles tun, um nicht noch mal umzuknicken. Also Stabi-Training für den Knöchel und beim Laufen aufpassen – alles, nur nicht noch mal umknicken.
Dementsprechend schlecht war meine Fitness für die Teilnahme an der Premiere des Westerwald Backyards von Katja Dasbach Anfang Juni. Nach 24 Stunden und 100 Meilen stieg ich aus – keine Lust mehr gehabt, noch ein paar Runden weiterzulaufen. Und irgendwie war ich auch verdrossen ob der Teilnahme immer mehr Influencer:innen, die mit Videokamera und vielköpfiger Crew an den Start gehen und sich testosterongeschwängert zum Durchhalten anschreien. Irgendwie nicht mehr meine Welt.
Da Ultratrails für den Knöchel nach wie vor nicht in Frage kommen, ich aber lang laufen möchte, stoße ich bei einer Recherche im April auf den Kleeblattultra in Schwarme. In – wo? Schwarme – erstmal googeln. O-kay, absolut im Niemandsland. Da will bestimmt kein Influencer hin.
Der Lauf wirbt auf seiner Homepage mit #keineHöhenmeterdafürLandschaft. Perfekt, wenn man einerseits dem Sprunggelenk was Gutes tun und andererseits versuchen möchte, eine ordentliche Zeit zu laufen. Und Ruhe haben möchte.
Ab Juli kann ich wieder konsistent trainieren und ab August laufe beinahe täglich. Nach dem Motto „train smarter, not harder“ habe ich dabei mein Training angepasst. Früher stand ein Faktor weit über allen anderen: Trainingsvolumen. Je mehr Kilometer, desto besser. Nun versuche ich, „Junk-Kilometer“ wegzulassen und bewusster zu trainieren. Entweder wirklich langsam (Zone 2) oder bewusst zügig bis sehr schnell (ab Zone 4). Das führt dazu, dass z.B. die Marathonläufe im Training alle nicht schneller als 6:30 min/km gelaufen werden, aber ich schon ein paar Tage danach auch einen schnellen 10er in 4:30 min/km rennen kann.
Gott sei Dank bleibe ich verletzungsfrei und fahre dann Ende September nach Bremen, von wo aus es nur etwa eine halbe Stunde mit dem Auto bis Schwarme ist. Nachdem ich die Nacht von Freitag auf Samstag bei meiner Schwester in Delmenhorst schlafe, kommt die erste Sollbruchstelle des Tages bereits am Samstagfrüh um halb sieben: mit dem Schienenersatzverkehr von Delmenhorst zum Bremer Hbf. Klappt. Von dort aus nehmen mit Tom und Ilka mit dem Auto mit nach Schwarme. Danke dafür.

Angekommen in Schwarme bin ich sofort begeistert von dem Lauf, bevor er überhaupt begonnen hat. So wie es sein muss, ist Start und Ziel an einer Turnhalle am Ortsrand. Ich werde von freundlichen Gesichtern empfangen, die mich mit Startnummer und Tracker versorgen. Auf Bierzelttischen ist schon ein Buffet aufgebaut und es gibt Frühstück für alle. Läufer:innen sitzen herum, treffen Vorbereitungen, trinken Kaffee, alle sind angespannt oder entspannt. Und das Beste: Weit und breit keine Selbstdarsteller:innen. Überall Leute, die wissen, was sie tun, aber dies andere nicht zwanghaft mitteilen müssen. Gefällt mir.
Ich spreche beim Frühstück mit einer neben mir sitzenden Läuferin und frage sie nach ihrem Ziel. Sie möchte unter 20 Stunden bleiben. Ich traue mich zu sagen, dass ich mir das auch vorgenommen habe. Aber obwohl es beinahe folgerichtig wäre, ihr vorzuschlagen, dass man es ja gemeinsam angehen könne, verzichte ich lieber darauf.
Beim Briefing wird noch einmal deutlich, was schon sichtbar ist. Den 31 Starter:innen steht ein Team von ca. 40 Helfer:innen gegenüber – alle hochmotiviert, freundlich, engagiert. Das gibt mir ein echt gutes Gefühl.
Der Start erfolgt pünktlich um 9:00 Uhr auf die erste von vier Runden. Jede Runde hat etwa ein Viertel der 100 Meilen und startet und endet an der Turnhalle, wo man sich dann jeweils für die nächste Runde wieder fertig machen kann.
Die Rundenlängen sind wie folgt:
Runde 1: ca. 42 km
Runde 2: ca. 41 km
Runde 3: ca. 41 km
Runde 4: ca. 38 km
Macht zusammen 162 Kilometer.
Auf jeweils der Hälfte der Runde ist ein kleiner VP eingerichtet, wo man sich mit dem Nötigsten versorgen kann. In der Turnhalle am Start/Ziel gibt es dann alles, was man braucht, auch „festes“ Essen wie Nudeln.
Das Wetter passt an diesem Wochenende, es ist geradezu optimal: Überwiegend bewölkt bei unter 20°C, nachts klart es auf bei Vollmond und trotzdem noch über 10°C, kein Regen. Hätte ich mir nicht besser wünschen können.
Mein detailreicher, ausgetüftelter Plan zum Rennen: Jede Runde einfach in knapp unter 5 Stunden absolvieren, mir in den Pausen nicht allzu viel Zeit lassen und einfach nicht langsamer zu werden. Tja. Los geht’s.

Die ersten fünfzehn Kilometer von der Strecke sind genau so, wie ich Niedersachsen kenne und mir den Lauf vorgestellt habe: schmale Asphaltbänder, weite grüne Wiesen, große Höfe, viel Horizont. Viel geradeaus. Aber immerhin auch: viel Ruhe. Nach einigen Kilometern zieht sich das Feld auseinander. Dann aber folgen tatsächliche Trailabschnitte und für einige Kilometer geht es in Waldpassagen sogar richtig rauf und runter. Auch wenn dadurch das Tempo langsamer wird, weil ich bergauf gehe, wird die Laune direkt besser – abwechslungsreicher als gedacht!
Nach 30 km dann das erste, kleine Tief. Mittlerweile wieder angekommen auf Asphaltstrecken, die endlos geradeaus gehen, drängt sich eine Frage in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit: Was mache ich eigentlich hier? Das dauert doch noch ewig und macht bereits jetzt nur bedingt Spaß.
Solche Gedanken am besten direkt mit Schokolade wieder klein machen. Also einen Riegel rein und dann noch mal daran erinnern, dass jetzt nicht der Zeitpunkt ist, mit mir selbst das „Warum?“ zu diskutieren. Einfach weiter laufen. Es folgt ein Abwechslung auf der Strecke: auf endlosen Asphalt folgt endloser, grober Schotter. Ich werde gezwungen, besser aufzupassen, damit ich nicht zufällig blöd umknicke und dann das Rennen für mich schon gelaufen wäre.
Außerdem versuche ich es rational zu sehen: Die schlechte Stimmung im Kopf könnte von der körperlichen Umstellung von Kohlenhydrat- auf Fettverbrennung kommen. Direkt mal einen Riegel reinschieben und dann wird das gleich schon wieder. Und es wird auch wieder.
Ich beende das längste der Kleeblätter mit nach etwas über einem Marathon in 4:53 h.
Dann muss ich erstmal aufs Klo und in Ruhe Nudeln futtern, sowie ein alkoholfreies Bier trinken. Ich habe mir zwar vorgenommen, Zeit an den VPs zu sparen. Aber gleichzeitig macht es total Sinn, sich schon nach der ersten Runde eine Portion Nudeln zu gönnen, um die Energievorräte wieder aufzuladen und später nicht in ein Loch zu fallen.
Gut gestärkt mache ich mich nach knapp 20 Minuten Pause wieder auf den Weg.

Mit Beginn des zweiten Kleeblatts ist es Nachmittag, 14:15 Uhr. Nun kommt doch die Sonne hinter den Wolken hervor.
Es läuft. Gleichmäßig. Sogar etwas zügiger als auf der ersten Runde. Die Strecke windet sich an Wassergräben und Maisfeldern entlang. Die Nudeln tun ihren Dienst und geben mir Kraft. Mittlerweile überhole ich auch den einen oder anderen Läufer. Jedes Mal überlege ich, ob wir auch zusammen weiterlaufen könnten. Aber jedes Mal entscheide ich mich dann doch dafür, allein weiterzuziehen. Ich habe gerade ein Tempo gefunden, welches zu mir passt. Das ist mir momentan wichtiger als die Ablenkung durch eine:n Mitläufer:in.
Es wird nun leicht wellig auf dem Weg Richtung Syke, wo der VP auf halber Strecke mitten im Wald sein soll. Meine Navigation an der Uhr läuft wunderbar, aber dann lasse ich mich einmal vom Flow verleiten und verpasse eine Abbiegung. Ironischerweise verpasse ich sie, während ich einem anderen Läufer zurufe, er hätte wiederum selbst die Abbiegung verpasst. Am Ende waren wir beide falsch auf zwei unterschiedlichen Wegen. So etwas fuchst mich total und ich bin dann meistens so aufgebracht, dass ich vor lauter Aufregung erstmal viel zu schnell weiterlaufe und versuche, den Fehler wieder gutzumachen. Schlechte Idee, denn das kostet ja doch nur unnötig Kraft und ich kann die gelaufenen Extrameter doch nicht wieder eintauschen.
Wenige Augenblicke vor dem VP mitten in einem Waldabschnitt ist meine Trinkblase leer und ich komme gerade zur richtigen Zeit zum Nachfüllen an der Station an. Von dort geht es dann zunächst waldig weiter, bevor es entlang von Landstraßen wieder Richtung Schwarme geht. An dieser Landstraße fährt ein Radfahrer von hinten auf mich auf. Er gehört zum Veranstaltungsteam und hat die Aufgabe, die Läufer:innen mobil zu begleiten, zu fragen, ob alles okay ist usw. Das finde ich wahnsinnig aufmerksam und freue mich über diese Unterstützung. Gleichzeitig bin ich eher nicht so die Quasselstrippe beim Laufen und nach knapp einem Kilometer trennen wir uns und er fährt voraus zu den nächsten.

Auf den letzten Kilometern bis zur Turnhalle in Schwarme wird es wieder richtig zäh, aber es ist nicht so dramatisch wie auf der ersten Runde. Ich bringe dieses zweite Kleeblatt mit knapp über 41 km und 4:34 h gut ins Ziel und laufe um 18:50 Uhr ein. Alles im Plan soweit!
Wieder das übliche Prozedere: Frischmachen, Nudeln futtern, Alkoholfreies. Diesmal noch was für die Nacht dazu. Die Stirnlampe habe ich vorsichtshalber schon für Runde zwei in den Laufrucksack gesteckt, in der Hoffnung, sie aber noch nicht brauchen zu müssen. So ist es dann auch gekommen, ich habe sie einfach viereinhalb Stunden umsonst mit durch die Gegend geschleppt. Neben der Lampe benötigen wir jetzt noch als Pflichtausrüstung eine Warnweste, die ich mir um den Oberkörper wickle. Außerdem packe ich Armlinge ein, da es auf jeden Fall kühler wird mit der vor mir liegenden Nacht.
Um 19:07 Uhr mache ich mich auf zum dritten Kleeblatt. Zwar habe ich die Lampe auf dem Kopf, um mir später die Zeit zu sparen, sie im Rucksack suchen und aufsetzen zu müssen. Doch als ich loslaufe, nehme ich sie zunächst wieder in die Hand, weil es noch ausreichend hell ist und ich das Ding auch nicht so gern auf dem Kopf habe. Mit dem festen Vorhaben, um Mitternacht wieder in die Turnhalle zurückzukommen, geht es zum dritten Mal in die Felder. Gab es auf den ersten zwei Runden noch hinreichend oft Untergründe, die nicht Asphalt waren, so hat der Veranstalter deutlich gemacht, dass die dritte Runde ausschließlich und die vierte Runde mit großer Mehrheit asphaltiert ist. Also los.
Ich genieße die Energie, die mir durch die Nudeln geschenkt wird, und die untergehende Sonne. Irgendwann wird es schummrig und ich komme nicht umhin, dann doch die Stirnlampe anzuknipsen.
Mit dem Licht auf dem Kopf verändert sich für mich das ganze Laufen. Das sichtbare Umfeld reduziert sich auf den Lichtkegel der Lampe. Man sieht nur das Stück Weg für die jeweils nächsten paar Schritte. Durch das Zusammenschrumpfen des eigenen Horizonts auf fünf Meter Asphalt werden diese besonders intensiv. Aber leider auch monoton. Es fehlt eben der große Überblick für den Rest der Strecke.
Die Kilometer beginnen sich zu ziehen.
Ich trotte weiter und werde auch nicht wesentlich langsamer, bin weiterhin im Laufschritt. Ich versuche, nicht so regelmäßig auf die Uhr zu schauen bzw. verbiete es mir nach kurzer Zeit. Am liebsten möchte ich vom VP überrascht werden: „Oh, schon da? Das ging aber schnell.“ Es ist pures Wunschdenken. Es zieht und zieht sich und als ich meine, dass der VP jetzt noch unmöglich auch nur ein paar hundert Meter weit weg sein könne, schaue ich doch auf die Uhr. Noch vier Km bis zur VP in der Mitte des dritten Kleeblatts. Na gut, nützt ja nichts.
Auch diese vier Kilometer ziehen sich noch wie Kaugummi, aber dann bin ich endlich da. Mitten auf dem Feldweg sehe ich aus einiger Entfernung schon das Flackern eines Feuers. Yes! Das ist gut. Hatte ich mir doch schon Gedanken gemacht, wie man hier draußen auf den kühlen Feldern warm bleiben könnte während der Pause. Erleichtert, angekommen zu sein, setzte ich mich auf einen Liegestuhl ans Feuer und beschließe sofort, Cola und Brühe zu trinken. Hastig stürze ich das Zeug die Kehle runter. Wenige Sekunden später stellt sich heraus, dass das nicht die beste Entscheidung gewesen ist. Mein Magen rumort sofort von Salz und Kohlensäure. Ich spüre, dass ich es nicht bei mir behalten kann, gehe ein paar Meter abseits und übergebe meinen Mageninhalt an und mich in den Straßengraben. Gedanke Nummer eins: Ah, sofort besser. Gedanke Nummer zwei: Das war schön bescheuert. Denn jetzt ist alles raus, nichts mehr zu essen drin. Das könnten jetzt sehr, sehr unangenehme 20 Kilometer zurück bis nach Schwarme werden, wenn ich keine Energie mehr drin habe.
Was soll ich jetzt tun?

Der Pragmatiker meines inneren Teams behält die Oberhand und ich trinke direkt wieder Cola und Brühe, diesmal allerdings vorsichtiger und in winzigen Schlucken. Essen klappt leider gar nicht. Also werde ich hier nicht mehr gebraucht. Ich ziehe mir die Armlinge gegen die nun aufdringlicher werdende Kühle an und weiter geht’s.
Zunächst klappt es auch ganz gut. Die Kilometer sind weiterhin zäh, klaro. Aber der befürchtete Einbruch bleibt aus. Nach knapp sieben Kilometern nehme ich mir einen Riegel aus dem Rucksack und esse den auf. Immerhin etwas. Meine Stimmung verbessert sich sogar: Ich laufe mittlerweile viele Kilometer unter freiem Himmel auf schönen Asphaltwegen. Keine Umknickgefahr. Über mir ein voller Mond, der schwarze Schatten wirft. Ich schalte die Stirnlampe aus. Meine Augen gewöhnen sich schnell an die neue Situation. Wie herrlich ist das denn bitte! Ich laufe hier mitten in der Nacht ohne Lampe (und ohne Brille, die ich auch schon in eine Rucksacktasche verbannt habe) und kann weit ins Land hineinsehen! Wunderschön.
Knapp zehn Kilometer vor Schwarme kommen mir zwei Läufer entgegen, die sich auf ihrer letzten Runde befinden. Sie müssen knapp zwei Stunden vor mir sein, wenn wir uns hier begegnen. Ich denke daran, wie ich auf meiner letzten Runde vielleicht auch Läufer:innen entgegenkommen werde und dass diese unverhofften, kurzen, anonymen Begegnungen doch auch Kraft schenken können. Doch bis dahin dauert es noch ein bisschen.
Nun geht es erstmal über 5-6 Kilometer schnurgeradeaus und ich mag nicht mehr laufen. Es ziiiiieht sich einfach und in meinem Gefühl dauert und dauert und dauert es eeewig. Noch drei Kilometer. Noch zwei. Noch eineinhalb. Dann irgendwann laufe ich in Schwarme ein, höre aus einiger Entfernung die Kirchturmuhr. Zwölf Schläge, Mitternacht.
Ich beende das dritte Kleeblatt nach 4:57 h und laufe um 0:02 Uhr in die Turnhalle ein. Hat doch sogar einigermaßen geklappt mit dem Zeitziel.
Im Start-/Zielbereich angekommen möchte ich genauso fix sein wie in den Runden zuvor mit der Versorgung, aber es klappt nicht. Ich weiß, dass ich Nudeln essen muss, wenn ich am Ball bleiben will. Aber leichter gesagt als getan. Ich setze mich zum Essen auf einen Stuhl. Ein paar Bissen und durch die gebeugte Haltung werde ich sofort müde. Die Augen fallen zu. Ich gebe nach und lasse den Kopf auf den Schoß sinken. Süße Sekunden schläfriger Ewigkeit. Nach gefühlten zehn Minuten, die vermutlich doch eher zwei waren, richte ich mich wieder auf. So nah dran war ich noch nie an der Sub20! Jetzt nicht so kurz vor dem Ziel ein Eigentor schießen. Schlafen kann ich, wenn ich das nächste Mal wieder hier ankomme. Also noch ein paar Nudeln rein und Cola am besten auch. Koffein kann ich jetzt wohl gut gebrauchen.
Kerstin aus dem Orga-Team, die mich in dieser Pause betreut, verabschiedet mich in die Nacht und sagt, dass sie sich auf mein Wiederkommen freut. Und ich mich erst!
Noch einmal raus in die Nacht – und wenn ich dann wiederkomme, dann habe ich es geschafft, in welcher Zeit auch immer.

Um 0:17 Uhr begebe ich mich auf die vierte Runde, das letzte Kleeblatt. Es ist mit 38 km das kürzeste. Psychologisch wertvoll, aber um diese Uhrzeit nicht wirklich hilfreich.
Ich beginne wieder damit, möglichst nicht auf die Uhr zu schauen, um mich dann selbst zu überraschen, wie viele Kilometer ich schon zurückgelegt habe, wenn ich es dann doch tue.
Nach wie vor ist es großartig, ohne eingeschaltete Lampe laufen zu können. Aber es folgen nun immer wieder Abschnitte, die ohne zusätzliches Licht zu riskant zu laufen wären: aufgerissene Betonwege, unebene Asphaltpassagen. Da brauche ich meine Lampe ja doch.
Ich laufe, laufe, laufe. Hab ich schon mal gesagt, dass es sich zieht? Man, oh man. Dann kommen wir auf einem Abschnitt von etwa einem Kilometer vier Läufer:innen entgegen. Gut so, stark, weiter so. Soziale Interaktionen, die wir gegenseitig austauschen wie Wasser in der Wüste.
Als ich das erste Mal auf die Uhr schaue, sind es noch knapp sieben Kilometer bis zum VP. Das ist echt viel, aber es nützt ja nichts. Weiter. Laufen. Weiter.
Irgendwann komme ich dann dort an, verpflege mich kurz und mache mich auf die letzten zwanzig Kilometer des Rennens. Wenn ich jetzt das nächste Mal auf Leute treffe, bin ich im Ziel.
Ebenfalls der Gedanke: Ich kann es tatsächlich schaffen! Unter 20 Stunden…!
Aber nur, wenn ich jetzt nicht nachlässig werde. Ich kann laufen, kann das Tempo halten, muss in Bewegung bleiben, darf nicht gehen… dann kann ich es schaffen.
Die nächsten zehn Kilometer gehen irgendwie rum, aber dann scheint die Zeit stehen zu bleiben. Ich laufe, laufe, laufe … gefühlt eine weitere Ewigkeit. Aber schaffe in dieser Ewigkeit nur 350 Meter. Kurz ärgern ja, aber nicht verzweifeln, dafür abhaken und wieder rein in die nächste Ewigkeit.

Dann stehe ich auf einmal auf offenem Feld, viele Windkraftanlagen um mich herum und ein kräftiger Wind weht. Ich will schneller laufen, aber der Straßenbelag ändert sich. Schotter!! Ausgerechnet! Um keinen Fehler zu machen, muss ich besser auf meine Schritte achten. Also wieder Lampe an und langsamer. Eine erneute Ewigkeit und zwei Kilometer später bin ich runter vom Feld und erreiche Martfeld, die letzte Ortschaft vor Schwarme. Nur noch fünf Kilometer… nur noch vier… das Ziel kommt und kommt einfach kaum näher. Hin und wieder wechsle ich jetzt vom Laufen doch ins Gehen, obwohl ich das eigentlich nicht wollte. Aber immer mit dem Blick auf die Uhr – es wird weiterhin reichen. Noch 1,2 km vor dem Ziel kann ich absolut nichts wiedererkennen und habe ganz kurz das beklemmende Gefühl in der Brust, dass die Navigation mich fehlgeleitet hat und ich mich verlaufen habe.
Dann erkenne ich die Lichter der Turnhalle und schon ist das Ziel in Sicht. Ich werde von Kai, Thorsten und Kerstin aus dem Orga-Team herzlich und freudig empfangen. Es ist 4:46 Uhr und nach 19:46 h Laufzeit, bin ich im Ziel.
Im Ziel und auf dem Rückweg, sowie in den nächsten Tagen macht sich eine große Erleichterung breit: Die Anspannung, die ich in den Tagen vorher gespürt haben, ist gewichen. Ich habe es endlich geschafft! Nach acht Jahren schließt sich ein Kreis. 2018 habe ich beim Mauerweglauf das erste Mal damit geliebäugelt, einmal einen Hundertmeiler unter 20h laufen zu können. 2026 kann ich diesen Traum endlich verwirklichen. Dafür waren konsistentes Training, sowie passenden Bedingungen am Wettkampftag (Wetter, Strecke) die ausschlaggebenden Faktoren. Mental hat es auch gepasst, ich hatte keine wirklich schlimmen Phasen zu überstehen und konnte konstant laufen.
Trotz großer Zufriedenheit und noch größerer Dankbarkeit, dies erfahren und geschafft zu haben, steht schon die nächste Frage im Raum: War das alles oder geht da noch mehr?
